Lisboa 2018

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Donnerstag, 16. Februar 2017

Totentanz aus Paris

Letzten Donnerstag ging im Trubel des deutschen Vorentscheids eine nicht ganz unwichtige Nachricht etwas unter. Die Franzosen haben ihren Beitrag Alma mit Requiem veröffentlicht. Ein schnelles Fazit des gewollt wiedersprüchlichen Beitrags.

Die Franzosen haben letztes Jahr dank der hervorragenden Top5 Platzierung und Amir, Blut am ESC gelegt und ihre Liebe wiederentdeckt, nachdem sie zwischen 2010 und 2015 meist jenseits des 20. Platzes endeten. Der für die Auswahl zuständige Sender France 2 blieb seinem internen Auswahl Modus treu, mit einer Besonderheit. Wie auch schon bei Amir, ist der ESC Beitrag die zweite Singleauskopplung des noch nicht veröffentlichten Albums. Auskopplung Nummer 1 war in beiden Fällen ein Hit und so hatte man genug Vertrauen in die junge Pariserin. Aber hier enden die Parallelen zum letztjährigen Beitrag nicht. Der Komponist heißt in beiden Fällen Nazim Khalid. Außerdem tritt sie bei der aktuellen Europatour von Amir als opening act auf.

Aber nun etwas mehr zur Sängerin Alma, von der es keine sichere Angabe zu ihrem Alter gibt, da macht wohl jemand einen auf Anastasia (wohl zwischen 27-30). Die eigentlich mit bürgerlichen Namen Alexandra Maquet heißende Sängerin, stammt gebürtig aus Lyon, lebte aber in ihrer Kindheit in Brasilien, Italien und den USA. Als Älteste von einem Schwesterntrio (die Niederlande schicken bekanntlich ein solches) lag es früh an ihr, die Kleinen zu bespaßen. Da halfen ihre Klavier und Gesangskünste doch ganz gut. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete darauf in Mailand für einige Monate. Offenbar war das ihr nicht genug und sie zog nach Paris, um sich der Musik zu widmen. Dort lernte sie auch ihren Songschreiber kennen und die Combo die Frankreich zum Erfolg bringen soll, wurde gegründet.

Nazim Khalid wird einige gute Kontakte zu France 2 gehabt haben, um seinen 2. Beitrag in Folge siegen zu lassen. Gleichzeitig wussten die Verantwortlichen bei France 2 bereits, dass sein Stil sehr gut in Europa ankommt. Ein Paradebeispiel für eine Symbiose. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist dennoch überraschend und kam aus dem Nichts. Es ist in letzter Zeit sehr selten geworden, dass der Künstler zeitgleich mit dem Song veröffentlicht wird. O'G3NE aus den Niederlanden stehen beispielsweise schon seit Ende Herbst fest, werden ihren Song allerdings erst kurz vor Frist im März einreichen.

Ihr Beitrag Requiem ist ein Werk voller Widersprüche, die die Aussage des Songs verstärken sollen: Liebe gibt es in allen Lebenslagen. Unter Requiem versteht man die Feier eines Verstorbenens kurz vor dem Begräbnis. Der Song beschreibt, dass das Leben wie die Liebe anfängt, aber auch schlagartig vorbei sein kann. Sie möchte aber einen Liebhaber haben, der sie selbst in Mitten eines solchen Requiems zum Lachen und Tanzen bringt.  Darüber hinaus verweißt sie auf den geringen Einfluss eines jeden auf die Erde. Wir mögen zwar unser Leben als besonders wichtig erachten, aber wir überschätzen dies. Die Erde wird sich weiter drehen, ein neuer Tag wird kommen und wir werden unwichtig unter der Erde liegen. Man solle die Trauer bei einer Beerdigung eher als Feier des Lebens umwandeln. Denn alles ist vergänglich und wir sollten das Leben genießen. Die Erde dreht sich, aus Funken werden Flammen, aus Mädchen Frauen und irgendwann kommt der Tag, an dem man den nächsten Tag nicht erlebt. Aber sie habe keine Angst, denn wenn die Welt sich nicht mehr drehe, werde sie wieder lieben.

Ziemlich tief gehende und düstere Zeilen, versteckt in einem orientalisch angehauchten Upbeat-Stück. Der ganze Song ist in Französisch und ich muss gestehen, bevor ich die Lyrics kannte, dachte ich nicht an einen solch lyrischen Tiefgang. Im Video ist ein Tänzerpaar zu sehen, welches an den Fassaden Paris' (natürlich inklusive Eifelturm) als schwarze Schatten tanzen. Ich würde diese als Tote interpretieren, die auch nach dem Tode fröhlich zusammen die Zeit verbringen. Ansonsten ist das Video relativ unspektakulär, zwischen Häuserschluchten und Kopfsteinpflaster, sieht man die an Miranda Cosgrove erinnernde Sängerin fröhlich umher tanzen. Der Song hat ja auch eine schöne positive Botschaft, die jedoch zum nachdenken anregt. Das Beste, was ein Autor erreichen kann.

International kommt der Titel sensationell gut an. Ob das natürlich nur an der bis dahin bekannten Konkurrenz lag? Lyrisch gefällt mir dieser Beitrag deutlich besser als der Französische letztes Jahr, der doch arg flach und typisch war. Dafür war er melodisch deutlich einprägsamer und trotz Sprachbarriere international Mehrheitsfähig. Bei Requiem habe ich da so meine Zweifel. Beim ersten Hören empfand ich den Song als schrecklich, da das Wort/Ton Verhältnis viel zu unausgewogen ist. Dazu die orientalischen Klänge, das hat mich vollends verwirrt zurück gelassen. Ich verstehe nun natürlich, dass man da viel Text rein packen wollte, aber am Ende des Tages, wird sie sowieso keine Sau verstehen. Selbst wenn, achten Sie bei 26 Songs an einem Abend auf die Texte und interpretieren diese? Man sollte nicht zu viel vom Zuschauer erwarten. Die orientalischen Einflüsse verwirren mich um ehrlich zu sein nach Prüfung ihrer Biographie nur noch mehr. Eventuell war dass das Zutun ihres Schreibers, der ja einen arabisch klingenden Namen besitzt.

Meine große Frage zum Beitrag ist, wie man das auf der Bühne umsetzen möchte, da der Titel ja doch erstmal verschreckt. Ein einfacher Mikroauftritt ist zu langweilig, ein Staging mit Choreographie sorgt für eine Diskrepanz zum Titel und ein Aufbau einer Totenmesse wäre dann wieder zu negativ zur eigentlichen Bedeutung. Das erinnert mich an Aserbaidschan 2016, bei der Samra einen Trennungssong vortrug, der Titel war Miracle. Aserbaidschan rettete sich aus diesem Namensfehler mit viel Pyro, Peng und Feuer. Wie Frankreich aus diesem Dilemma kommen soll, keine Ahnung. Die Sängerin möchte bestimmt ein Thema unterstützendes Staging, was auf Grund der fehlenden Lyrischen Aufarbeitung kontraproduktiv wäre. Ich wage einfach Mal die Prognose, dass sie vor dem LED-Bildschirm stehen wird und ein tanzendes Paar wie im Video auftauchen wird. Die Message könnte dann höchstens durch den jeweiligen Kommentator rüberbracht werden.

Frankreich hat vieles mit dieser Wahl richtig gemacht und unterstreicht seine Ambitionen, gerne mehr Erfolge feiern zu können. Ich glaube nicht an eine Top10 Platzierung, auch da ihre Stimme etwas wackelig wirkt. Aber sie werden auch nicht am hinteren Ende des Feldes landen werden. Ein solider, lyrisch überdurchschnittlicher Beitrag, ohne Hook, wird Frankreich keine Sterne vom Himmel holen, aber die Welt eventuell kurz in Atem halten.

Den Song gibt's hier zu hören

Meine Lieblingszeilen, die ich mit aktueller politischer Brisanz interpretiere, dank Marine le Pen auch in Frankreich anwendbar:" Centuries pass and disappear
What you believe is dead
Is a season"

Donnerstag, 21. April 2016

Frankreich ist reich an guten Künstlern

Achja, Frankreich. Das Land das neben Großbritannien und Irland, den wohl krassesten Sturz in die Schlucht der Bedeutungslosigkeit verbracht hat. Oftmals lag es an dem zu festen Willen, die eigene Landessprache zu erhalten, aber auch an vermeintlichen Opernsängern, die Live schlechter drauf waren als Mariah Carey nach 2 Wodka lemon. Die Franzosen sind auf dem besten Weg, Großbritannien Konkurrenz zu machen, im negativen Bereich versteht sich. Dabei waren die Beiträge aus Frankreich oft nicht schlecht, Nein, aber sie kamen einfach nicht an. Die Kehrtwende soll dieses Jahr kommen, da bin ich mal gespannt.

Frankreich ist nach Deutschland der Rekordteilnehmer beim ESC. Im Jahre 2016 feiert also la grande nation ihre 59. Teilnahme am ESC, nur eine weniger als Deutschland. Während man noch bei der ersten Ausgabe 1956 leer ausging, folgte bereits 1958 der erste Sieg. Das war der Beginn einer großen Erfolgswelle, denn 1960, 1962, 1969 und 1977 folgten die nächsten Siege. Somit steht Frankreich mit 5 Siegen auf dem geteilten Platz 3, hinter Irland (7) uns Schweden (6), was die Menge an ESC-Erfolgen angeht. 

Auffällig dabei ist natürlich, dass ab 1977 scheinbar nichts mehr bei Frankreich funktioniert hat, da seit diesem Jahr kein Beitrag mehr gewann. Das hat natürlich mit dem in den 70-ern steigenden Stern Irlands und Großbritanniens zu tun, die alleine in den Jahren 1980-1997, acht Siege einfahren konnten. Als dann 1999 die Sprachregelung endgültig gekippt wurde, hatten auch andere Länder die Chance, in beliebten Sprachen zu singen. 

Diese Regeländerung war der Dolchstoß für Frankreich. Im neuen Jahrtausend kommt man auf 3 Top-Ten Plätze, das in 17 Veranstaltungen! Im selben Zeitraum wurde 8 Mal ein Platz außerhalb der Top-20 erreicht. Somit kann es nur noch aufwärts gehen, aber diesen Spruch sagt man zu Großbritannien schon seit 10 Jahren.

Frankreich ist auch dafür bekannt, die Teilnehmer zu benennen, anstatt das Volk bestimmen zu lassen. Nach den schwachen Ergebnissen bis 2013, entschied man sich 2014 für einen Vorentscheid. Der Gewinner von diesem erlangte sagenhafte 2 Punkte. 2015 bestimmte man wieder intern und konnte das Ergebnis tatsächlich verdoppeln, also 4 Punkte durch eine Parade auf dem Champs-Élysées bejubeln. Somit ist das Ziel für 2016 klar: 8 Punkte sind das Ziel!

Spaß beiseite, auch dieses Jahr entschied das französische Fernsehen (France 2) intern über einen Kandidaten. Heraus kam der 32-jährige Laurent Amir Khilfa Khedider Haddad. Weil das natürlich nicht fancy genug für den ESC ist, nennt er sich schlicht Amir. Wie vielleicht schon an dem Namen klar wird, ist er kein 0815 Franzose, sondern kann auf eine weit gefächerte Verschwandschaft  zurückblicken. Sein Vater ist Tuneser und seine Mutter hat selbst einen marokkanischen und spanischen Hintergrund. Er selbst wurde in Paris geboren, verbrachte aber einen Großteil seines Lebens in Tel Aviv.

Trotz seines für ESC-Verhältnisse hohen Alters, macht er erst seit kurzer Zeit Musik. Er hat ein abgeschlossenes Studium der Zahnmedizin und hat daher auch diese unfassbar gut gepflegten Zähne. 2013 nahm er dann an The voice spaßeshalber teil und schaffte den Einzug ins Finale. Danach folgten ein paar Anrufe und kaum aufgetaucht hat er seinen Traum erreicht: Den ESC. Er ist somit der erste männliche Solointerpret für Frankreich seit 2011. 


Hier also der französische Beitrag von Amir für den ESC 2016, J´ai cherché:


Das Lied startet mit einem ganz kurzen Streicherintro, nach dem sofort seine tiefe Stimme zu hören ist. Danach wird er nur durch Klavierakkorde und einer Gitarre begleitet. Im zweiten Teil des Verses, erhöht er seine Stimme und das Schlagzeug setzt im Off-Beat ein. Nun setzt der Refrain ein und er singt auf einmal auf Englisch! Auch die Instrumente kommen nun deutlicher zum Vorschein. Im Vers singt er wieder Französisch und der Offbeat setzt aus. Danach erklingt eine Variation des Refrains in etwas ruhiger Form, da die Instrumentierung bis auf den Beat wegfällt. Im nächsten Refrain ist allerdings wieder alles dabei. Die Bridge ist auf Französisch und auch alle Instrumente nehmen daran teil. Der Refrain wird nun erneut 3 Mal wiederholt und wie es sich für einen guten ESC-Beitrag gehört, verschönert er es mit einer anderen Umspielung in jedem Refrain. 

Das wohl auffälligste ist wohl neben der Sprache das breit gezogene Youuuuuu, und genau daran scheiden sich die Geister. Für manche wird es dadurch erst besonders gut, andere können den Song deshalb nicht ausstehen. Amir hat selbst an dem Song mitgeschrieben und singt einmal mehr auf Grund der Message den Refrain auf Englisch. 

Die Geschichte bzw. Message ist schnell erzählt. Es geht um etwas, was einen sehr glücklich macht. In seinem Fall war es die Musik, die ihm vom stupiden Zahnsäubern abgebracht hat. Im Video wurde das durch die beiden Personen auch sehr gut dargestellt. Das Mädchen, dass misshandelt wurde und mit Hilfe von Taekwondo seine Stärken zurück erhält und sogar bei Olympia starten darf, oder der Junge aus ärmeren Verhältnissen, der dank des Balletts eine Karriere und eine Chance bekommt. In diesen Fällen bezieht sich das Youuuuuu nicht auf die Musik, sondern eben auf den Kampfsport und den Tanz.

Das Video ist wirklich schön anzusehen, aber es wäre nicht der ESC, wenn nicht irgendjemand ein Plagiat darin sehen würde. In diesem Fall bin ich das, auch wenn ich es eher als Inspiration bezeichnen würde. Die Art, wie das Video nämlich gemacht wurde erinnert stark an Fucking Perfect von P!nk. Natürlich ist das nicht dramatisch und es spricht ja für den Künstler, dass er am Beispiel der noch härteren Message, ein ähnliches Video dreht.

In Fankreisen gilt dieser Song als der wohl einzige, der noch die Katastrophe Russland verhindern kann. Wenn das allerdings die letzte Waffe der Welt gegenüber Russland ist, braucht man gar nicht zum ESC antreten. Das Lied gefällt mir super super gut und es wird auch den Sommer in meiner Playlist überleben, aber als Livesong eignet er sich einfach nicht. Russland hat auch ein radiofreundliches Lied, wird aber in der Präsentation aller Voraussicht nach ähnlich viel ausgeben wie die Ukraine, um eine spektakuläre Liveperformance zu erlangen. Von Frankreich hört man zur Präsentation noch relativ wenig, kein gutes Zeichen. 

Für mich ist klar, dass er das beste Ergebnis für Frankreich seit 2009 holen wird (8. Rang), wahrscheinlich sogar noch mehr. Aber der Sieg scheint mir unrealistisch. Live kann er den Song jedenfalls super singen und performen. Von daher braucht sich Frankreich keine Gedanken in Richtung 20+ machen, dass sollten eher deutsche Fans. Frankreich hat sich für den richtigen Weg entschieden, aber leider ist umdrehen eine Option.   

Montag, 18. April 2016

Bulgarien schickt Alleskönnerin

"Scheitern ist ein Umweg, keine Sackgasse"
Zig Ziglar 

Dieses schöne Zitat vm US-Amerikaner Zig Ziglar, lässt sich gut auf die diesjährige bulgarische Interpretin beziehen oder auf die bulgarische Vergangenheit beim ESC generell. Die doppelte Rückkehr aus Bulgarien zum ESC erfreut die Fans im ganzen ESC-Universum, nur bleibt die Frage, ob sich diese Freude auch im Mai bezahlbar macht.

Bulgarien nimmt erst seit 2005 beim ESC teil und gehört damit auch eher zu den Spätstartern. Das Land kann sich aber damit rühmen, eines der schlechtesten im ESC-Universum zu sein, also was die Ergebnisse betrifft. Bei bisher 9 Teilnahmen gelang ihnen nur ein Mal die Qualifikation fürs Finale. Doch der Schein trügt.

Bulgariens erfolgreichste Platzierung war logischerweise die Finalqualifizierung 2007. Allerdings erhielt das Duo damals 157 Punkte, was den 5. Platz nach sich zog. Auch die anderen Beiträge waren nie im Bereich der Letzten in den Semis. So landeten sie bereits 4 Mal entweder auf der 11 oder der 12, knapp daneben ist eben auch vorbei. Somit darf man das Land allerdings nicht als ein ESC-Schlusslicht bezeichnen, sie hatten und haben eben nur viel Pech. Nachdem 2013 das Duo, welches für den 5. Platz verantwortlich war, auch als 12. scheiterte, setzte Bulgarien aus. Dazu kamen dann noch finanzielle Probleme, die bereits eine Rückkehr 2015 einen Strich durch die Rechnung machten. Nun, 2016, feiert das Land seine 10. Teilnahme und nun soll alles besser werden.

Die Bulgaren versuchten es bislang auch immer sehr demokratisch und veranstalteten nationale Vorentscheide. Durch die aktuell aber klamme finanzielle Lage, war es dieses Jahr nicht möglich und so wurde intern bestimmt. Aber wer soll die Last auf sich nehmen?

Die Lösung für viele Fans lag auf der Hand: Poli Genowa wird gebraucht! Sie ist ein Multitalent, erfahren und dazu hat sie noch tolle Songschreiber. Diese Gebete wurden offenbar erhört, denn im Dezember wurde bekannt gegeben, dass sie Bulgarien vertreten werde.

Auch beim ESC ist Poli keine Unbekannte. Die 1987 in Sofia geborene Bulgarin ist sozusagen die Helene Fischer des Landes. In nahezu jeder bedeutenden Show hinterlässt sie ihre Fußabdrücke. So war sie schon Juror bei The voice, nahm bei Sing wie dein Star und Let´s Dance teil, spielt in mehreren Musicals und synchronisiert für Disney. Außerdem ist sie noch UNICEF-Botschafterin. Ein wahres Multitalent. 

Es begann aber alles damit, dass sie in einer Kindergruppe erste Erfahrung beim Fernsehen sammeln konnte. Darauf folgte ein Studium der Klarinette und des Films. Nach gescheiterten Anläufen bei den Vorentscheiden zum ESC 2005 und 2006, sie war 16 bzw. 17, schaffte sie es 2011 den Vorentscheid zu gewinnen. Somit durfte sie in Düsseldorf auftreten und wurde schnell zu einer Art Fanfavorit. Ihr rockiger Song mit Klaviereinflüssen in Landessprache, war äußerst beliebt und auch eine neue Hoffnung für das so gebeutelte Bulgarien. Dann kam im Halbfinale der Schock: Platz 12. Nur 6 Punkte von der Qualifikation entfernt. Europa war geschockt.


Poli´s Karriere nahm erst nach diesem vermeintlichen Misserfolg Fahrt auf und sie war in Bulgarien praktisch omnipräsent. Als dann auch noch 2015 Italien die Ausrichtung des JESC´s verweigerte, durfte Bulgarien als Zweitplatzierter diesen ausrichten. Die Moderatorin war, wer auch sonst, Poli Genowa.

Ein von Junior Eurovision Song Contest (@junioreurovisionofficial) gepostetes Foto am  


Spätestens ab diesem Zeitpunkt wollten die ESC-Fans ihre Poli zurück und scheinbar ist diese Reaktion dem bulgarischen Broadcaster nicht entgangen. So kommt Poli also zurück, stärker wie je zuvor.


Hier ist der bulgarische Beitrag zum ESC 2016 von Poli Genowa If love was a crime:


Poli schrieb auch an #ILWAC mit und auch ihr Songwriterteam blieb im großen und ganzen unverändert zu 2011. Sowohl der Österreicher Sebastian Arman, der auch Heroes von Conchita (Österreich 2014) schrieb, als auch Boris Milanow aus Bulgarien, unterstützten sie bei der Produktion des Songs. Zum Team stieß dann auch noch der äußerst erfolgreiche Produzent Joacim Persson, der unter anderem schon für Kelly Clarkson und Aura Dione arbeitete. 

Das Lied ist ein schneller Partysong, der bis auf eine Zeile ausschließlich in Englisch dargeboten wird. Der Vers ist dabei relativ schlicht gehalten, obwohl relativ schnell die Spannung steigt. Der Prechorus wirkt wesentlich stärker als der Refrain selber, der auf Bulgarisch ist. Der zweite Vers besitzt keine Steigerung und auch keine neuen Instrumente. Der zweite Refrain wirkt etwas krafvoller, aber eine richtige Steigerung gibt es bisher nicht. Darauf folgt ein kurzes Instrumentalsolo, bei dem eine Flöte in Vordergrund tritt und dadurch etwas osteuropäisches Feeling aufkommt. Die Bridge ist an sich nur eine Steigerung zum letzten Refrain, dass noch mit einem Saxophon verstärkt wird.

Im Text geht es um eine verbotene Liebe zwischen zwei sich liebenden Menschen. Dabei haben Freunde oder die Familie Zweifel an der Beziehung und versuchen diese zu verhindern. Aber die beiden sind ein so gutes Team, dass es sie nicht interessiert, was die anderen sagen. Besonders auffällig dabei ist, dass eine hohe Stimme zu Beginn des Liedes " ich glaube nicht in Liebe" sagt. Dabei könnten eben diese Stimmen des Umkreises gemeint sein.

Warum der Song unter den Fans so gehyped wird hat natürlich den Grund, dass es für viele schon als Hymne für die LGBT-Community gilt. Dabei hat Poli das nie verlauten lassen, sogar eher verneint. Aber die Tatsache, dass Liebe eben in einigen Regionen tatsächlich ein Verbrechen ist, bekräftigt wiederum die Community in ihrer Deutung. Also entweder klasse PR-Arbeit oder reiner Zufall, ich tippe auf die PR.

Für die Präsentation wünsche ich mir eine hellere Visualisierung als im Video. Das wirkt zu teilen doch sehr düster und etwas schnell produziert. Auf der Bühne erwarte ich außerdem Tänzer, Poli selbst kann dem Publikum auch ordentlich einheizen. 3 Minuten Party müssen das ausgesprochene Ziel sein, das wäre super! 

Die Chancen für Bulgarien stehen ausgezeichnet. Fürs Gewinnen ist das Lied wohl doch etwas zu gewöhnlich und zu viele andere, fischen in diesen Gewässern. Aber die Qualifikation sollte im schwächeren Semifinale dann doch fast schon sicher sein. Somit dauerte der Umweg zwar 5 Jahre, aber die Gaststätte ist in Sichtweite.


Samstag, 2. April 2016

Kroatien leuchtet in den Farben der Hoffnung

Totgesagte leben länger. Dieses Sprichwort kann man auf viele Länder im ESC beziehen. So zum Beispiel auf Finnland. Das einzige unerfolgreiche skandinavische Land, bis zum Jahre 2007. Davor waren siebte Plätze das höchste der Gefühle für Finnland. 2007 dann einige Menschen mit Maske und schon glänzt die Statistik. Ähnlich sieht es bei Lettland oder Holland aus, die nach mehrjährigen Katastrophenbeiträgen sich in den letzten Jahren durchaus stabilisieren konnten (Bei Lettland beginnt das erst jetzt). Kroatien ist im ESC eigentlich schon klinisch tot. Der letzte Vitalparameter ist schon Jahre her und die Angehörigen hatten sich bereits verabschiedet. Aber nun war die Reanimation anscheinend doch erfolgreich...

Kroatien ist beim ESC so etwas wie das Portugal des Ostens. Es nahm erstmals 1993 beim ESC als eigenständiges Land an. Zuvor war es die fleißigste Teilrepublik von Jugoslawien, was ESC-Beiträge angeht. Auch der Sieg 1989 Jugoslawiens, geht auf das Konto einer kroatischen Gruppe. Doch seit der Unabhängigkeit kommt Kroatien an die großen Erfolge nicht mehr heran. Nach dieser ersten Teilnahme, sah man das Land ununterbrochen bis 2013 beim ESC. Die beste Platzierung gelang dabei 1996 und 1999 mit den beiden 4. Plätzen. In den Jahren 2014 und 2015 schmollte das Balkanland auf Grund von schlechter Ergebnisse. Daher rechnete niemand damit, dass sie zeitnah zurückkehren würden. Doch nur 2 Jahre später kriechen die Kroaten zu ihrem Peiniger zurück in der Hoffnung, dass er dieses Jahr gnädig sein würde. Und nach den aktuellen Fanreaktionen muss sich Kroatien darauf einstellen, dass man die Rückflüge erst nach dem Finale buchen sollte. In Kroatien durchaus eine Seltenheit, da in den letzten 4 ESC-Teilnahmen (2010-2013)das Land alles andere als knapp gescheitert war.

Dieses Jahr unterbrach man den kroatischen Vorentscheid Dora, um intern aussuchen zu dürfen. 2013 versuchte man das mit folklorischen Tönen ebenfalls und schied bereits im Semifinale aus. Warum soll es nun also besser werden? Möglicherweise, weil  Kroatien wohl zum ersten Mal nicht eine Connection zum Land im Lied aufbaut, sondern einen internationalen Hit komponierte. Dieser wird nicht von einer ausgelutschten Balkangröße gesungen (sorry Kaliopi) sondern von dem wohl größten musikalischen Talents Kroatiens.

hier ist der kroatische Beitrag für den ESC 2016 von Nina Kraljić  Lighthouse:


Dieses Video soll nur eine Überbrückungsversion sein, bis man es geschafft hat, sie an verschiedenen Küstenabschnitten Kroatiens zu verfrachten und dort tolle Aufnahmen zu machen. Sobald das neue Video online geht, werde ich es hier einfügen:

Nina ist ein Neujahrskind und 24 Jahre alt. Seit ihrer frühsten Jugend beschäftigt sie sich mit Musik und diese war auch der ausschlaggebende Grund dafür, dass sie mit 14 von Zuhause ausgezogen ist. Sie ist außerdem kein großer Partyfan, sondern umgibt sich lieber in einem kleineren, aber dafür engeren Kreis von Vertrauten. Ihr besonderes Merkmal sind übrigens nicht ihre 2 Tattoos, sondern ihre außergewöhnliche Stimme. Engelsgleich, melancholisch oder beruhigend sind wohl die passenden Ausdrücke dafür. Die Stimme von Jasmine Thompson (die eine von ain´t nobody) kommt ihr wohl noch am nächsten.

Bekannt wurde Nina, wie jeder zweite Sänger scheinbar, durch the voice. Die 2015´ner Staffel gewann sie eindrucksvoll mit einem riesigem Vorsprung im Finale. Schon in diesem Wettbewerb zeigt sie, dass man nur eine untypische Stimme braucht, um bekannte Lieder ganz anders zu interpretieren. Mit Preisen für ihre erste Single in Kroatien zugeschissen, fährt sie nun nach Stockholm, um möglichst viel Aufmerksamkeit auf dem Balkan zu erregen. Dadurch kann sie ihre Karriere über die kroatische Grenze hinaus erweitern.

Ihr Song startet mit einer kurzen Einleitung eines typischen Balkaninstruments.  Danach kommt ihre Stimme die nur durch Beat, dem Holzblasinstrument und einer Harfe getragen wird. Der Refrain baut sich langsam auf, setzt sich dann doch stark vom Vers ab. Der Instrumentalteil wird durch sie unterstützt und ist dadurch kein Instrumentalteil mehr. Der zweite Refrain ist deutlich lauter, aber dennoch weit davon entfernt, aggressiv zu klingen. Die Bridge existiert nicht, stattdessen kommt der klischeehafte Tonartwechsel,welcher in einen hymnischen letzten Refrain endet. Und gerade, als das Lied so richtig Schwung aufgenommen hat, ist es auch schon wieder vorbei.

Das Lied kommt super bei den Harcore-ESC-Fans an und ist einer von 2 oder 3 Fanfavoriten. Aber diese Ernennung ist nicht immer ein gutes Zeichen, da es immer mindestens einen dieser Favoriten im Semifinale erwischt. Kroatien hat genau dafür ein Händchen, also trotz gutem Song und annehmbarer Umsetzung auf der Bühne, auszuscheiden. Doch dieser Beitrag ist der wohl stärkste in der jüngeren Vergangenheit aus Kroatien.

Dass sie Englisch singt liegt wohl an der mangelnden Selbstsicherheit Kroatiens. Instrumental gesehen ist es zwar keine Balkanballade, aber würde Bosnien als erfolgreiches Balkanland das schicken, wäre es zu 100% in Landessprache. Aber da es auf Englisch ist, wurde hier sehr sehr clever und geschickt nationale Identität mit europäischen Musikstilen verbunden. Sie singt sehr verständlich, was für Songs aus dem Osten nicht immer selbstverständlich ist. Das einzig wirklich negative was ich zu diesem Song sagen kann ist, dass der zweite Vers etwas sehr kindlich gereimt klingt. 

Harbous near
no more fear
wall of clouds disappears
so I steer
to the pier
in tears

Der Tonartwechsel zu Schluss ist im Gegensatz zu vielen anderen Songs, wirklich passend und dramaturgisch vollzogen. Das ändert natürlich nichts daran, dass das einigen nicht gefällt.

Mich persönlich hat die perfekte Stimme in der Studioversion sogar ein weinig Angst gemacht. Einfach aus dem Grund, da ein normaler Mensch stimmlich dieses Level kaum halten kann. Dadurch würde Kroatien dann beim ESC enttäuschen und wäre einmal wieder raus. Dann sah ich sie allerdings im serbischen Frühstücksfernsehen und sie hat das Lied stimmlich brillant raus gehauen. Gestik war leider gar nicht vorhanden und das sollte dringend geändert werden. Hier kann man den Auftritt sehen.


Stimmlich ist das natürlich sensationell, aber trotzdem haben sich meine Zweifel nach diesem Auftritt verstärkt. Sie singt ihn zu perfekt. Sie trifft die Töne ohne sich dabei anstrengen zu müssen. Um es in Bruce Darnells Worten zu sagen: Drama Baby, drama! Sie kann das Lied ohne Ausdruck in Mimik und Gestik einfach nicht an den Mann/Frau bringen. Die blauen Haare lassen auf eine charismatische Interpretin hoffen und am Ende hat sie in etwa soviel Charisma wie eine verschimmelte Kiwi.

Aber wie würde ich das auf der Bühne retten wollen? Naja, dass im Hintergrund die Landschaftsbilder zu sehen sind, sollte wohl klar sein. Ich würde das ganze Showkonzept auf Werbung für den Tourismus in Kroatien auslegen, also wunderschöne Landschaften auf den LED-Screens zeigen. Dann würde ich ihr einen Crashkurs in Schauspielerei geben, damit sie bei den hohen Tönen ein etwas angestrengteres Gesicht macht und gar ihre Hände benutzen würde. Um sie aber etwas aus der Schussbahn zu nehmen, würde ich Tänzer auf die Bühne bringen. Am besten ein tanzendes Paar, welches übertrieben dramatisch über den schwedischen Boden tanzt. Ach ja, man muss natürlich noch einen Effekt mit einem Licht machen, wegen Lighthouse, also Leuchtturm. Da würde aber mir zu Beginn eine Einstellung reichen und am Schluss im LED-Schirm einen Leuchtturm, der auf einer wunderschönen Düne steht.

Kroatien ist zurück, keine Frage, doch das Wunder von Stockholm sehe ich für Kroatien nicht. Eine Finalqualifikation ist durchaus möglich, aber bei der Charismaresistenz der Protagonistin auch nicht sicher dabei. Kroatien ist im Moment der klare Fan Favorit, der den Sprung ins Finale nicht schaffen wird. Schade eigentlich, denn stimmlich ist das ein Meisterwerk.

Donnerstag, 31. März 2016

Italien schickt Ware zweiter Wahl

Mamma Mia! Das Drama von Deutschland wiederholt sich dieses Jahr in Italien. Nur lösen diese es wesentlich cooler als ein gewisser Andreas Kümmert. Dieses Jahr geht nämlich die rote Laterne für die späteste Veröffentlichung des Beitrags nach Italien, herzlichen Glückwunsch! Nach langem hin und her entschied man sich für einen Interpreten und auch dafür, wie dessen Song nun aufgebaut sein wird.

Italien ist eines der Big-5-Länder im ESC, damit sind sie gegen einen höheren Geldbeitrag im Finale gesetzt. Der 2-fache ESC-Sieger (1964,1990) war eines der sieben Gründungsmitgliedern des ESC´s im Jahre 1956. Die Anekdote, wie der ESC überhaupt entstand, spare ich mir hierbei. Tatsache ist, dass das italienische Sanremo-Festival die Vorlage für den ESC war und auch immer noch ist. Die EBU kopierte also größtenteils eine nationale Idee, zu einer europäischen Idee. Bis heute ist in Italien das Sanremo-Festival deutlich wichtiger und beliebter, als der ESC.

Dieses Jahr feiert Italien also seine 43. Teilnahme, damit befindet es sich nur auf Platz 15 der meisten Teilnahmen. Das hat vor allem den Grund, das Italien zwischen den Jahren 1998 und 2010 dem ESC ferngeblieben ist, da die Einschaltquoten nicht mehr stimmten und man das Sanremo-Festival stärken wollte. Seit der Rückkehr 2011 hat sich Italien als konstantestes Big-5-Land gezeigt. Bei diesen 5 Teilnahmen gab es 4 Top-10-Plätze und außerdem 2 Podestplätze, 2011 2. und 2015 3. Das sind Statistiken, von denen Großbritannien nur Träumen könnte.

In Italien ist das Sanremo-Festival ein großes Spektakel mit riesigem Medieninteresse. Um einen weiteren Anreiz für die Künstler zu setzen, darf der Sieger dieses Festivals, Italien beim ESC vertreten. Darf ist aber ein sehr schwaches Wort und so kam es schon öfters vor, dass der Sieger keinen Bock auf den ESC hatte. In diesen Fällen nominierte RAI intern einen Interpreten aus. Dieses Jahr war es einmal wieder so weit.

Das Finale des Sanremo-Festival fand dieses Jahr am 14.02.16 statt und ging bis tief in die römische Nacht hinein. Insgesamt traten 16 Acts gegen einander an, quälend lang waren allerdings die Pausen dazwischen. Als dann noch bekanntgegeben wurde, dass es ein Superfinale gibt, war ich kurz vor der Explosion. Zum Glück sangen die drei Superfinalisten nicht erneut. Kurz und schmerzlos, also das genaue Gegenteil von Sanremo, ist hier das Ergebnis. Es gewann die schon senile Männertruppe Stadio mit dem Lied "Un giorno mi dirai", dass sich gegen die junge Castinggeneration durchsetzten konnte. Das Video gibt es nur auf Dailymotion und zwar hier.

Dieser dunkle Sprechgesangsbeitrag gefiel der dunklen italienischen Seele wohl sehr und so kam es zum Sieg. Der Sieger ist weder ein musikalisches Meisterwerk, noch im 21. Jahrhundert zeitgemäß, also genau das richtige für das Sanremo-Festival. Die alten Herren feierten ausgelassen auf der Bühne und die ESC-Welt war durchaus etwas geschockt. Der Schock wurde aber noch auf der anschließenden Pressekonferenz vergrößert, da Stadio sofort verkündeten, dass sie mit dem ESC nichts am Hut haben wollen. Sie hätten eine Tournee zu dem Zeitpunkt und das gehe natürlich vor! Naja...

Die RAI stand nun natürlich vor der Frage, wer denn nun nach Stockholm fahren sollte. Den folgenden Monat fasse ich nun mal schnell zusammen. Relativ schnell wurde klar, dass die Zweitplatzierte nachrücken sollte. Diese akzeptierte sofort, konnte sich dann aber nicht schnell entscheiden, ob sie ihren Sanremo-Beitrag singen soll. Am Ende entschied sie sich dafür. Aber auf Englisch oder auf Italienisch und wie soll das Lied auf die 3 Minuten gekürzt werden? Diese Fragen beschäftigten die Italiener wohl so lange, dass erst am 25.03.16 die finale Version veröffentlicht wurde.

Hier der italienische Beitrag für den ESC 2016 von Francesca Michielin - no degree of seperation



In Sanremo startete die 21-jährige Castingshowgewinnerin von der unglücklichen Startnummer Uno und schaffte es dennoch auf Platz 2,  was auch an ihrer Fanbase liegen könnte. Nach ihrem Gewinn bei X-Factor gelang der Bassistin 3 Nummer 1 Hits in Italien, ihr ESC-Beitrag ist einer davon. Außerhalb Italiens kann sie nur eine Chartplatzierung in der Schweiz aufweisen.

Ihr Team und sie entschieden sich für einen sprachlichen Kompromiss bei ihrem Beitrag. Das Lied wird bis auf den zweiten Refrain komplett auf italienisch gesungen. In Sanremo sang sie noch alles auf italienisch, was sich so anhörte. 

Es beginnt mit einer Pianobegleitung und ihrer Stimme. Während des gesamten Liedes bleibt diese beruhigende und träumerische Stimmung erhalten. Im Refrain setzt ein klarer Beat ein, der ihn deutlich vom Vers abgrenzt. Im zweiten Vers erhöht sich ihre Stimme etwas und dadurch kommt ihre Muttersprache deutlich klarer heraus. Darauf folgt der englische Teil, dessen Vokabular sehr ähnlich mit dem italienischen ist. Die Bridge ist eine Steigerung, die in einen Refrain mit Koloraturen mündet. Dann ist schon alles vorbei. 

Wie immer werde ich total subjektiv bewerten, aber bei Italien fällt mir das besonders schwer. Die Sprache ist einfach so schön, sooooo schön!!! Aber ich gebe mein Bestes.

Für mich persönlich fällt das Lied etwas flach aus. Es herrscht kaum Bewegung oder Veränderung, es wirkt eher wie ein Tagtraum, der durch das Aufwecken ziemlich abrupt beendet wird. Wenn der Song nicht auf italienisch wäre, würde ich sie auf einen der letzten Plätze im Finale setzen, aber diese Sprache muss man einfach lieben. Der Vorteil an italienisch ist eben, dass dadurch etwas Spannung aufgebaut werden kann, bei Schnulzen wirkt es romantisch. Trotz dieses Heimvorteils fehlt diesem Beitrag das besonderen. 2011 schickte Italien Jazz, 2012 die italienische Amy Whinehouse, 2013 eine Schnulze aus dem Lehrbuch, 2014 eine Rocknummer und 2015 das sensationelle Operntriplett.

Bei der Inszenierung gibt es keine genauen Vorgaben, da das Lied durch seine Gefälligkeit eigentlich alle Showkonzepte offen hält. Eine übertriebene würde jedoch etwas von dem Zauber der Sprache nehmen. Im Video verschönert sie ihre Umgebung mit einigen Zeichnungen, von daher wäre eine futuristische, kreative Show mein favorisiertes Konzept. Aber wie gesagt, es kann alles passieren.

Für mich persönlich ist 2016 Italiens schwächtes Jahr seit der Rückkehr. Die Top-10 dürften auch mit guter Show unerreichbar sein, die Top-15 bei guter dagegen schon. Dieses unauffällige Lied wird mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit bei den Jury´s deutlich besser ankommen. Im Televote wird es zwischen den ganzen Popsongs untergehen und die Balladen klauen ihr die Stimmen von den Zuhörern, die eher auf ruhigere Gewässer stehen. Ich möchte nichts verschreien, aber wir haben letztes Jahr gesehen, was passiert, wenn man Zweitplatzierte zum ESC schickt und ich befürchte, dass genau das mit Italien passieren könnte. Leider. 


Montag, 28. März 2016

Australien IM ESC-Fieber

Die EBU macht es sich auch wirklich nicht einfach. Nachdem im letzen Jahr schon viele stolze Europäer gegen die Teilnahme Australiens protestiert und gehetzt haben, entschied sich die EBU nun, Australien wieder teilnehmen zu lassen. Jon Ola Sand, der Supervisor der EBU und damit Hauptverantwortlicher für den ESC, sprach 2015 noch von einem einmaligen Einladen eines Gastes anlässlich des 60. Geburtstags des ESC´s. Nun darf Australien erneut teilnehmen, aber ohne besondere Begründung. Ich selbst bin ein großer Befürworter der Partizipation Australiens, finde es aber schade, dass die EBU keine Ehrlichkeit an den Tag legt. Warum sagen sie nicht einfach, dass die Teilnahme Australiens mehr Geld in die Kassen schüttet und der ESC keine rein europäische Veranstaltung ist (Eurovision ist ungleich European)? Für mich steht Eurovision gerade für das Kennenlernen verschiedener Kulturen. Der Großteil der Australier stammt doch aus Europa und es ist doch spannend zu sehen, was sich kulturell in einer so geringen Zeitspanne verändert hat.

Wie dem auch sei, Australien nimmt erneut teil und daran kann für 2016 niemand mehr etwas ändern. Das könnte allerdings durchaus die letzte Teilnahme sein, da die EBU die Rechte für einen ostasiatischen ESC an SBS, der australische Rundfunkkanal, verkauft oder vergeben hat. Damit gibt es höchstwahrscheinlich den ersten ostasiatischen EASC(?) 2017. Je nach dem, ob dieser Erfolg bringt, was ich nicht erwarte, baut sich Australien sein eigenes ESC-Universum auf. Sollte dieser Versuch scheitern, werden sie wieder beim ESC auftreten, das ist sicher.

Die Geschichte beim ESC beginnt nicht erst 2015, sondern schon 1974. Seit diesem Jahr überträgt Australien den ESC live zu Frühstückszeiten. Über die Jahre baute sich eine große Fangruppe auf, die den ESC immer mit Spannung verfolgten und damit die Einschaltquoten in die Höhe trieben. Das kam dann soweit, dass SBS schon Mitte der 2010-er um Erlaubnis bat antreten zu dürfen, da das Mitfiebern ohne eigenen Act doch etwas gelitten hat. Zunächst quittierte man die Pläne, doch über die Jahre wurde Australien öfters genannt, so zum Beispiel 2011, bei der Anmoderation von Anke Engelke. Nun erkannte aber auch die EBU, dass der australische Markt noch viel Platz zur Expansion bot. So trat Australien 2014 als Interval-Act in Kopenhagen auf und nun hatten die Australier Blut geleckt. Die Mauern der EBU konnten diesem nicht mehr Stand halten und so wurde beschlossen, dass Australien mit Sonderrechten teilnehmen durfte.

Diese Sonderrechte bestanden darin, dass Australien im Finale gesetzt war und Stimmrecht in bedien Semifinals besaß, da muss SBS mit Geld nachgeholfen haben. Für 2016 haben sich die Regeln etwas geändert. Nun muss man ebenfalls im Semifinale antreten und ist nur noch in ihrem Semifinale und natürlich im Finale stimmberechtigt.

Australien wollte bei seiner Premiere 2015 kein Risiko eingehen und so wurde Guy Sebastian intern mit Lied bestimmt, dass mit dem 5. Platz und fast 200 Punkten belohnt wurde. Für 2016 dachte man sich, dass man nichts an dieser Methode ändern sollte und so wurde auch 2016 intern ausgesucht.

hier der Beitrag aus Australien für den ESC 2016 von Dami Im Sound of silence:


Die 27-jährige zog erst mit 9 Jahren nach Australien. Geboren wurde sie in Südkorea, was nur marginal an ihrem Gesicht zu erkennen ist. Klischeehafter Weise spielt sie Klavier und lernte durch englische Popsongs die Sprache ihrer neuen Heimat. Wie so oft heutzutage erreichte sie durch die Castingshow The X Factor große Bekanntheit. Im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern nahm sie allerdings nicht nur teil, sondern gewann das Format auch 2013.Danach wurde es etwas ruhiger um sie, bis eben zu jenem Datum 2016, als SBS bekannt gab, dass sie Australien vertreten würde. Die Hoffnung auf Sia wurde dadurch natürlich zerstört.

Das Lied beginnt mit einem tiefen Beat im Herzrhythmus, wunderschrecklich klischeehaft. Sie beginnt nur mit diesem Beat und den Streichern den ersten Vers, das alles sehr ruhig. Im Prechorus steigert sich das Lied immer mehr und im Refrain haben wir eine klassische Midtempo-Ballade. Ein typisches Lied, ohne besondere Eigenschaften, genau der aktuell erfolgreiche Nerv. Eine wirkliche Steigerung bleibt bis auf einen Schrei im letzten Refrain weitestgehend aus. 

Ein solider Beitrag, der sehr gut produziert ist. Man muss aber knallhart sagen, dass man sich deutlich mehr von Australien erwartet hat, als diesen Track. Dami´s Song kommt nicht aus sich heraus, hat keine wirklich einprägsame Hook und lyrisch gesehen, ist es auch an manchen Stellen grenzwertig (Trying to feel your love through face time).

Natürlich ist das kein schlechter Beitrag, die Messlatte ist aber wegen 2015 und der Tatsache, dass es hier um Australien geht, unfassbar hoch gelegt. Man muss aber genau so klar sagen, dass Dami und ihr Team die Erwartungen bei Weitem nicht erfüllt haben. Das einzige, was wirklich die Erwartungen erreicht hat, ist das Video, welches wirklich gut anzusehen ist.

In Stockholm würde ich einige Elemente aus dem Video übernehmen. Vor allem die kalte Belichtung und die farblose Kleiderwahl finde ich persönlich sehr passend zum Songtitel. Auch die Nebeleffekte und der Tänzer könnten Hinweise auf Stockholm bieten. Bei ihrem Lied darf nur nicht zu viel auf der Bühne geschehen, um zu vermeiden, dass der Eindruck entsteht, dass man vom Lied ablenken möchte. Aber genau das muss die Performance schaffen, um eine gute Platzierung zu erreichen und hier liegt eben der schmale Grad. Dezentes Kleid, Nebel und einen Tänzer, mehr sollte nicht auf der Bühne geschehen. 

Australien wird sich für das Finale qualifizieren. Sie sind im schwächeren Semifinale und verdammt nochmal es ist Australien, wer liebt es nicht? Der Erfolg von Guy Sebastian ist jedoch in weite Ferne gerückt, dass Lied ist dafür einfach zu schwach. Ein Platz in den Top-15 sollte aber mit einer soliden Show IM Rahmen des Möglichen sein.

Kleiner Nachtrag: In einem kleinen Vorgeschmack auf die Postkarten, die vor jedem Beitrag gezeigt werden, um die Umbaupausen zu überbrücken, posiert sie mit einem Koala. Also wenn es musikalisch nicht reicht, wird in Australien keine nackte Haut gezeigt (*hust Weißrussland *hust), sondern auf süße Koalas gesetzt.

Sonntag, 27. März 2016

Aserbaidschan erzwingt das Wunder

Manches im Leben ist einfach unfair. Manchen fliegt alles einfach nur so zu und andere können selbst unter größter Anstrengung nur mittelmäßige Erfolge feiern. Manche schaffen selbst mit einer schlechten Leistung ein passables Endergebnis, während andere einen starken Einsatz zeigen, aber die Lorbeeren eben schon weggepflückt wurden. Den wohl größten Gegensatz im ESC-Universum bilden wohl Aserbaidschan und Portugal, deren Ausbeute beim ESC unterschiedlicher kaum sein könnten. Was in Aserbaidschan schon als Enttäuschung gilt, würde in Portugal als neuer Nationalfeiertag vergöttert werden. Nachdem sich Portugal erneut vor dem ESC in Schweden drückt, (Das 3. Mal in Folge - Was hat Portugal gegen Schweden?!) kann man für dieses Jahr nicht den Vergleich zu Aserbaidschan ziehen. Aber Aserbaidschan bleibt uns erhalten - und vielleicht sehen wir uns selber 2017 erneut in Baku. 

Aserbaidschan ist der jüngste Kaukasusstaat, der beim ESC teilnimmt. Nach Armenien (2006) und Georgien (2007) fand Aserbaidschan im Jahre 2008 den Weg zur größten Musikshow des Universums. Kurz, aber schön. So kann man die bisherige Historie Aserbaidschans beim ESC beschreiben. Bei 8 Teilnahmen wurde 8 Mal das Finale erreicht, es gehört also auch zu den 100%-Qualifikationsüberlebenden. 6 davon endeten in den Top-10 und seit dem Jahr 2013 hat das Land auch den kompletten Medaillen-Satz errungen, mit der bronzenen 2009, silbernen 2013 und natürlich der goldenen 2011. Die Holzmedaille wurde 2011 erreicht, 2009 der fünfte Platz. Aber in den letzten beiden Jahren kann man für aserbaidschanische Verhältnisse, von einer Krise sprechen. Nur die Plätze 22 und 12 sind ein starker Leistungseinbruch, der die Interpreten bei der heimischen Ankunft um einen Kopf kürzer machen. Somit sollte man dieses Jahr, um das Ruder rumzureißen, einen gestandenen Act verpflichten, der nicht wie 2014 bei der stimmlichen Liveperformance einen Totalausfall erlebt. Denkste...

Die bisherigen Bestimmunsmodelle des eher diktatorisch geprägten Lands, sind überraschend demokratisch. Mit den Ausnahmen der Jahre 2009 und 2015 wurde immer ein nationaler Vorentscheid veranstaltet. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, da es Castingsshows waren, also nicht explizit auf den ESC ausgerichtet waren. Das hatte oft zu Folge, dass der Act zwar gewählt wurde, aber das Lied intern bestimmt wurde. Aserbaidschan ist auch ein Land, das sehr schnell kapiert hat, dass nationaler Sprachstolz und Erfolg nicht unbedingt verknüpfbar sind, daher haben sie bisher nur in Englisch gesungen. 

In den Jahren 2014 und 2015 versuchte man ähnlich zu 2012 dem Song einen kaukasischen Touch zu verleihen. Das scheiterte aber auf Grund der Platzierungen deutlich. Also nun 2016, was machen sie? Sehr sehr lange war überhaupt nichts zu hören und man machte sich schon Sorgen, dass nun auf den letzten Drücker ein Act gesucht wird. Als der Song schließlich veröffentlicht wurde verstummten jedoch alle Kritiker sofort und rannten zur nächsten Wettbar, um dafür eine Wette abzuschließen. 

Hier ist der Beitrag von Səmra Rɘhimli Miracle, der Aserbaidschan 2016 beim ESC vertreten wird.


Wie immer zunächst zur Interpretin. 1994 wurde sie in Baku geboren. Bereits mit 16 Jährchen wollte sie ihr Land beim ESC vertreten, scheiterte aber 2012 im Vorentscheid. Im Jahre 2015 erschien sie wieder in den Schlagzeilen, als sie das Viertelfinale von The voice of turkey erreichte. Offenbar reichte das den hohen Tieren in Aserbaidschan, um sie zu nominieren. Weitere spannende Fakten sind, dass sie verrückt nach ihrem Hund ist und es hasst, ihre Haare zu schneiden und sie deshalb so lang sind. Die moderne Erfindung des Frisörs hat den Weg nach Baku wohl noch nicht gefunden. In ihren jungen Jahren ist scheinbar noch nicht die Zeit da gewesen, eine offizielle Homepage einzurichten. Daher sind alle Infos entweder von Wikipedia oder eurovision.tv. 

Laut eigener Aussage geht es in dem Lied, um ein starkes Mädchen, dass sich aus ihrer Beziehung entreißt. Der Titel Miracle ist meiner Meinung nach daher etwas unglücklich gewählt, da man sofort ein Happy-End assoziiert. Aber nun zum musikalischen Teil.

Zu Beginn des Verses sind die Schlagzeugeinwürfe eindeutig von Sia geklaut. Das Lied baut sich dann langsam auf und rutscht in die R&B-Ecke. Der Refrain ist typisch für des Genre des Schwedenpops, aber auch unglaublich effektvoll. Ihre Stimme kommt vor allem in den Versen sehr gut heraus, ehe man sich versieht, befindet man sich schon mitten im zweiten Refrain. Die Bridge ist ein perfekter Ohrwurm, auch wenn es etwas unkreativ wirkt. Im letzten Refrain hätte ich mir ein paar mehr Koloraturen von ihr gewünscht, die den dritten Refrain eine noch wuchtigere Erscheinung geben würden.

Das Experiment Heimatverbundenheit in den Beiträgen ist gescheitert und Aserbaidschan macht wieder das, was sie am besten können. Inhaltslosen Pop, geschrieben von Schweden. Diese Taktik könnte man wirklich zerreißen, wenn sie nicht so unglaublich erfolgreich wäre. Das Lied kann ohne Probleme in allen Radiostationen laufen und niemanden käme auch nur in den Sinn, dass es vom ESC und aus Aserbaidschan stammt. Stimmlich macht sie in der Studioversion einen unfassbar guten Eindruck. Auf der Bühne sieht das so aus. 


Ihre Stimme ist wirklich sehr kraftvoll, aber die Töne liegen dann doch manchmal nicht da, wo sie sie vermutet. Beim ESC hat sie ja viele Probedurchgänge und einen mörderischen Ambitus bietet dieser Song auch nicht. Die Background-Stimmen werden sie ja auch zusätzlich unterstützen und dann sollte das alles kein zu großes Problem werden.

Für die Performance wünsche ich mir etwas deutlich spannenderes als das Video, dass wirklich nach schnell schnell aussieht. Sie spielt gerne mit der Kamera und das ist logischerweise ein Vorteil in Stockholm. Nichtsdestotrotz würde ich auf jeden Fall auf Tänzer und Pyrotechnik zurückgreifen, einfach um diesen kraftvollen Refrain zu unterstützen. In den Versen sollte diese Aktivität dann doch etwas zurückgenommen werden, vor allem im ersten, da dann der Effekt im Refrain größer und bombastischer wird. Aber hier reicht ein solch simples Staging schon aus, aber da wir hier von Aserbaidschan reden kann ich fast schon versprechen, dass ihnen noch irgendeine übertriebene Idee einfällt.

Sie ist eine der ganz wenigen Acts, die ich im ersten Semifinale als bereits qualifiziert sehe, selbst wenn ihre Bühnenpräsentation schrecklich wäre. Das Lied ist schlicht weg zu gut, um schlecht abzuschneiden. Nach diesem Grundsatz wird Aserbaidschan im Finale in die Top-10 kommen, ich schätze sogar in die Top-5. Wenn aber einmal mehr (bestätigt ist nichts) Stimmen aus Malta, Zypern oder Tschechien gekauft werden, dann kann das auch ganz schnell ganz vorne landen. Aber egal wie gut ein Song aus Aserbaidschan auch ist, nur ein Wunder würde dafür sorgen, dass sie aus Armenien Punkte bekämen. 

Freitag, 25. März 2016

Maltesische Halbgöttin kehrt zurück

Den Ruf als Chaosland hat dieses Jahr Malta aus Deutschland geerbt. 2015 erschütterte ja die ESC-Welt das Kümmert-Gate und es war klar, dass es auch in diesem Jahr ein Land geben muss, in dem es drunter und drüber gehen wird. Das es ausgerechnet Malta trifft war eher überraschend, da die letzten Jahre sehr gesittet in Malta über die Bühne gingen. Dieses Jahr haben es selbst Länder wie Weißrussland oder Moldawien souveräner gelöst, obwohl bei Letzteren der Verdacht der Schiebung im Raume steht. Aber nun ist es doch Malta geworden und ich versuche die stürmischen letzen Monate zusammenzufassen:

Das Land Malta nahm erstmals 1971 am ESC teil und wurde gleich mit dem letzten Platz begrüßt. Das wird bestimmt besser, dachten sich wohl die Malteser und so nahmen sie im Folgejahr erneut teil, um erneut den letzten Platz zu erreichen. Nach einem weiteren fehlgeschlagenen Versuch 1975 entschied sich der kleine Inselstaat bis ins Jahr 1991 zu schmollen, also nicht mehr teilzunehmen. Seit diesem Jahre nahm das Land aber ununterbrochen jedes Jahr teil, konnte also in den frühen 2000ern die Durchschnitts-Quali immer überstehen. Malta nimmt 2016 zum insgesamt 29. Mal teil und wird versuchen, die mittelmäßigen letzten Jahre vergessen zu machen. Bei den letzten 10 Teilnahmen wurde insgesamt nur 5 Mal das Final erreicht. In diesem gab es dann immer einen 20+ Platz, mit der Ausnahme von 2013, als Gianluca den 8. Platz erreichte. Die besten Platzierungen stammen aus den Jahren 2002 und 2005 mit dem Vizetitel, der beim ESC allerdings genauso viel Wert ist, wie eine Anlage in Griechenland. 

Bisher wurde jeder maltesische Vertreter in einem Vorentscheid bestimmt und so sah es auch dieses Jahr aus. Am 23.1.16 fand das Finale mit insgesamt 14 Interpreten statt, die aus einem 20-Act großen Halbfinalfeld übrig blieben. Die große Favoritin in diesem Feld hieß Ira Losco, zu ihr später mehr. Hier eine kleine Auswahl meiner Favoriten, die spätere Siegerin war in meiner Wertung nur auf Platz 7.


Brooke wurde am Ende 2.


Maxim Pace belegte den 5. Platz


Corazon wurde nur mit dem 8.Platz belohnt


Generell war das Starterfeld in Malta einmal mehr excellent aufgestellt, auch wenn es nicht so stark war wie 2015. Am Ende setzte sich die also schon ESC vorbelastete Ira durch, sie wurde vom Publikum wie ein übermenschliches Wesen gefeiert. Genau das hat dann auch zum Sieg geführt, denn die Juroren wären vom Publikum zerfleischt worden, hätte Ira die Halle nicht als strahlende Siegerin verlassen. In meiner Live-Bewertung schrieb ich übrigens, dass sie wie die junge Cher aussähe. Diesen Eindruck habe ich bis jetzt noch. Also ihr Lied Chameleon gewann den MESC und hörte sich so an:

 

Joa. Das war meine Reaktion auf diesen Beitrag, ein einfaches Joa. Es tut niemanden weh, ist aber nicht auf Dauer schön. Ira´s Bühnenausstrahlung ist ja ganz toll, aber das Lied ist eben...joa. Warum die Halle so zu einem mittelprächtigen Lied abgeht, wissen nur die Zeugen vor Ort. Ecstasy würde ich tippen. Naja, wenn es das gewesen wäre, aber nein. Malta hielt noch ein paar Überraschungen offen. Aber bevor ich anfange, erst einmal kurz zur Persona Ira Losco.

Die 31. Juli 1981 geborene bekannte Sängerin, wuchs in einer 13,000 Einwohner Gemeinde auf. Schon im Jahre 2000 nahm Ira am Vorentscheid zum ESC teil und scheiterte grandios. Allerdings gelang ihr schon 2002 die Wende und sie durfte Malta vertreten. Na, erinnern wir uns? 2002 belegte Malta den 2. Platz, also die bis dahin beste Platzierung.



Nun also die Rückkehr zum ESC, aber wo bleibt das versprochene Drama? Das beginnt jetzt. Ira´s Team sah nämlich an den Reaktion der Fans in der ganzen Welt, dass das Lied nicht gut ankam. Ira wurde an allen Ecken und Enden gelobt, besonders für die doch überzeugende Stimme, aber das Lied hatte einfach keinen Wiedererkennungswert. Die Steigerung, die im Song mit Streichern erzeugt werden soll, scheitert vollkommen. So sah sich Ira gezwungen zu handeln, wenn sie keine Watschen kassieren wollte. 

Man muss ihr wirklich zu gute halten, dass sie nicht stur an sich geglaubt hat, sondern die Kritik gehört hat und auch danach handelte. Auf dem offiziellen Kanal wurde nur Ira als Gewinnerin benannt gegeben, von ihrem Lied war weit und breit nichts zu sehen von offizieller Seite. Spätestens da wurde klar, dass Ira nur sehr ungern mit Chameleon beim ESC starten würde. Manche stellten daraufhin den Vorentscheid in Frage, worauf sich der Sender gleich meldete und bekannt gab, dass nur der Interpret beim MESC ermittelt wird. So argumentierte der Sender davor noch nicht. 

Nach und nach sickerte dann die Meldung durch, dass sich Ira zwischen 9 neuen Songs und einer bearbeiteten Version entscheiden solle. Ende März, also 2 Monate nach Beginn von diesem hin un her steht nun der maltesische Beitrag fest: WOW, also walk on water.

Hier also der Beitrag von Ira Losco walk on water, der Malta vertreten wird.



Zum Video äußere ich mich nur kurz. Sehr viele Kleidwechsel und schöne Landschaftsaufnahmen, Hinweise auf die Bühnenshow beim ESC finde ich allerdings keine. Schon beim Beginn des Lieds erwartet man einen Dancesong. Der Vers fällt sehr ruhig aus, aber die Spannungskurve in diesem Lied ist sensationell gut. Die harten Akkorde münden in einen kräftigen, aggressiven Refrain, der aus 3 Worten besteht. In der Bridge hat sie noch einen Gospelchor hinter sich. 

Also kurz zusammengefasst: Ira hat alles richtig gemacht und sich von einem schwachen zu einem durchaus sensationellen Lied gesteigert. Das Lied kommt praktisch überall gut an und wird zu einem großen Hit des Euroclubs werden, wie so viele Lieder in diesem Jahrgang. 

Besonders Menschen die das Melodifestivalen verfolgen, fällt aber auf, dass Ira´s Song sehr an eine junge schwedische Dame angelehnt ist. Molly Petterson Hammar heißt die erst 20-jährige und sie ist eine Schreiberin des Songs und hat völlig stur, ihre typische Musik Ira zur Verfügung gestellt. Ähnlichkeiten zu ihrem Melodifestivalen Beitrag von 2015 sind nicht von der Hand zu weisen.




In Schweden erhoffe ich mir eine lebhafte, kurzweilige Performance mit vielen Tänzern. Mit dem Element Wasser könnte man ebenfalls spielen, dann aber darauf des Hauptaugenmerk legen. In einer großen Wanne auf der Bühne plantschen links und rechts von ihr zwei Tänzer im Wasser und sie läuft dank unsichtbarer Plattform, tatsächlich auf dem Wasser. Ob sowas realisierbar ist, weiß ich nicht, aber es wäre auf jeden Fall eine gute Idee. Sie startet ja auch im Mordsemifinale und muss um den Einzug ins Finale kämpfen und da können unkonventionelle Ideen helfen, aber genauso gut alles kaputt machen.

Malta hat sich trotz extrem anstrengender Wochen, richtig entschieden. Ira wird mit ziemlicher Sicherheit nicht an ihren Erfolg von 2002 anknüpfen können, dafür ist die Konkurrenz zu stark. Chancen aufs Finale sind durchaus vorhanden, aber wie so oft dieses Jahr, steht und fällt der Platz mit der Performance und der Live-Stimme. Im Vergleich zu den anderen Studioversionen gehe ich im Moment von einer Qualifizierung aus.


Donnerstag, 24. März 2016

Tschechien steht wie ein Fels in der Pleitenbrandung

Was im Fußball Leverkusen ist, oder im Autobau Frankreich, ist beim ESC Tschechien. Das osteuropäische Land ist der mit Abstand unerfolgreichste Teilnehmer, den der ESC jemals gesehen hat. Bei bisher 4 Teilnahmen in den Jahren 2007- 2009 und 2015 wurde sage und schreibe 0 Mal das Finale erreicht. Das ist ein Wert, der selbst in San Marino schallendes Gelächter auslöst, da diese zumindest eine Finalteilnahme vorweißen können. Aber es kommt noch dicker. Sie wurden in ihrem Semifinale 2007 und 2009 Letzter, 2008 Vorletzter. Nur 2015 konnte sich das Land etwas stabilisieren und schied als 13. aus. 

Schon im letzten Jahr war es eine riesige Überraschung, dass Tschechien die Rückkehr zum ESC wagt. Im Land gibt es keine große ESC-Community und darüberhinaus waren die Einschaltquoten beim ESC sehr miserabel. Es ging sogar soweit, dass die Ausgabe 2014 gar nicht mehr in Tschechien ausgestrahlt wurde. 2015 kam dann also doch die Rückkehr mit 2 gestandenen Artisten, von denen man eine sogar in Deutschland kannte. Diese waren ja dann so erfolgreich, wie es bisher kein tschechischer Beitrag war, man muss es zynisch betrachten.

Wie auch 2015 entschied sich der Broadcaster für eine interne Bestimmung, die tschechische Musikbranche ist ja nicht so groß. Und man muss nicht immer alles so schwarz sehen, schließlich ist Tschechien auch Besitzer zweier unfassbarer Rekorde, ok es sind negative Rekorde. In den beiden Jahren 2007 und 2009 holten sie 1 bzw. 0 Punkte im Semifinale. Seit Einführung des zweiteiligen Semifinalsystems, sind das die beiden schlechtesten Punktzahlen, die es je gab. 

Im vergangenen Jahr hätte es Tschechien, wenn es nur nach den Zuschauern ginge, übrigens relativ locker ins Finale geschafft. Diesmal soll es auch mit den Jurys klappen.

hier ist der Beitrag aus Tschechien von Gabriela Gunčíková I stand: 


Die Frau mit den vielen Sonderzeichen im Namen, schauen wir uns erst einmal ihren Werdegang an. Die am 27.Juni 1993 geborene Tschechin, hat den heute typischen Karriereweg eingeschlagen: In jungen Jahren, in ihrem  Fall mit 18, an einer Castingshow teilnehmen und da möglichst gut abschneiden, in ihrem Fall Finalteilnahme. Sie zog es dann in die Vereinten Staaten, wo sie Gesang als erfolgreichste Absolventin einer privaten Musikuni abschloss. Danach zog es Gabriela wieder zurück nach Tschechien und jetzt vertritt sie ihr Land beim ESC. 

Das Lied beginnt mit ruhigen Klavierakkorden und ihrer Stimme, die sehr im Fokus steht. Der Refrain beginnt durch ein langgezogenes I. Das Lied wird auch durch den Einsatz der Streicher, des Schlagzeugs und des Gongs nicht wirklich unruhiger. Sie singt den zweiten Refrain deutlich lauter, was wahrscheinlich zunehmende Dramatik sein soll. Die Bridge ist auch zurückgeschraubt. Dann kommt ein Schrei und man erwacht kurz aus seinem Tagtraum. Aber genau dann ist das Lied schon vorbei.

International kommt das Lied sehr gut an, was denke ich daran liegt, dass man keine Erwartungen an Tschechien hatte und es dafür wirklich klasse Arbeit abgeliefert haben. Mir persönlich fällt auf, dass das Werk extrem uneinprägsam ist. Der Rhythmus im Vers ist ziemlich gewöhnungsbedürftig. Genau hier liegt das Problem, denn beim ESC geht es nicht um das musikalisch beste Lied. Nein, es geht um das Lied, das nach einmaligen Hören die Menschen so vor dem Bildschirm fesselt, dass sie dafür anrufen. Hier sehe ich das nicht. 

Diese Tatsachen erinnern stark an Edurne (Spanien 2015), die ebenfalls vor dem ESC hoch gelobt wurde.



Beide Songs könnten wunderbare Soundtracks für Dramas abgeben. Sie können Bilder unglaublich gut unterstützen, dramatisch gesehen. Aber es mangelt ihnen an Kraft, diese Stimmung selbst zu erzeugen. Wir sind uns alle einig, dass es ein herausragendes Lied ist, das wir alle irgendwie gut oder zumindest erträglich finden. Aber das ist genau die Ann-Sophie-Gedächtnis-Falle. Alle sagen ach ja ganz nett, aber keiner findet es so toll, dass er dafür anrufen würde.

Beim Staging ist viel möglich, praktisch zu viel, da man durch die vielen Möglichkeiten im Falle eines Misserfolgs, die Ausrede der Bühnenpräsentation vorschieben könnte. Ich würde zunächst einmal schauen, was sie für eine Ausstrahlung besitzt.



Ok.Dieser Auftritt ist 2 Jahre her, ihre Bühnenbeherschung war schon damals sagenhaft. Also bieten sich noch mehr Optionen. Ein kurzer Blick auf den Text: Sehr liebevoll und dankbar, das ist die Grundaussage. Ich stehe hier, weil du immer hinter mir standest und mich unterstützt hast. 

Da die Ballade dann doch relativ düster beginnt, wäre ich für eine Gewitterszene am Anfang im LED-Schirm mit Spot auf ihr. Das düstere Video wandelt sich dann langsam in eine wunderschöne Frühlingslandschaft mit Blümchen und allem drum und dran. Ein Kostümwechsel wäre hier dramaturgisch ebenfalls passend. So weit mein Konzept, aber wie gesagt, ist hier nahezu alles möglich.

Für Gabriela hab ich leider kaum gute Nachrichten. Ihr Problem ist, dass sie im ersten Semifinale startet. In diesem kämpfen meiner Meinung nach 16 der 18 Songs um den Einzug ins Finale. Dazu kommt die Tatsache, dass die Länder, die häufig Nachbarvotings bekommen haben, dieses Jahr schlechtere Lieder haben. Dadurch ist nicht klar, ob sie wie sonst auch immer durchkommen. 

Tschechien ist der einziger Kandidat, der eine Ballade zelebriert. Schnell kann das allerdings zum Toilletenpausen-Song werden. Die Performance wird in diesem Halbfinale eine unglaublich große Rolle spielen. Aber im Moment sehe ich Tschechien als 16 von 18 in meiner Meinung. Das hört sich wirklich schlecht an, aber es kann noch schlimmer kommen, denn Montenegro wird Balkanhilfe bekommen und könnte sie dadurch noch einkassieren. Ich habe die Hoffnung verloren, dass sie sich qualifizieren kann. Warum man ihr nicht einen Rocksong geschrieben hat, die sie dank ihrer Stimme sensationell singen kann, bleibt wohl ein gut gehütetes Geheimnis.

Also wird Tschechien aller Voraussicht nach weiter auf der Stelle treten.