Lisboa 2018

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Montag, 10. April 2017

Das Rennpferd und die 42 Gäule

Fast genau einen Monat noch und wir werden wissen, wer in Kiew die Trophäe mit nach Hause nehmen wird und wo der Eurovision Song Contest 2017 (wohl) statt finden wird. Da mir dieses Jahr leider die Zeit für detaillierte Einzelberichte fehlt, werde ich einige gebündelte Beiträge vor dem Probenbeginn in knapp 3 Wochen veröffentlichen. Beginnen werden wir mit der entscheidensten und wichtigsten Frage: Ja wer wird denn den ESC gewinnen? Dazu begnügen wir uns einer alten britischen Sucht, dem Wetten. Im Internet wimmelt es nämlich nur von Plattformen, die Wetten für den ESC anbieten. Dazu muss man sagen, dass sich diese Plattformen insbesondere in UK, Irland und Australien großer Beliebtheit erfreuen und dadurch eine gewisse Verzerrung entstehen kann, da die eigenen Beiträge gepusht werden. Um die Favoriten zu diskutieren, nehmen wir die aktuellen Top10 der Wette auf den Sieg. Dabei handelt es sich nur um eine Momentaufnahme und nach den Proben & Semifinals ist da immer noch ordentlich Bewegung drin. Auch bedeutet ein vierter Platz beispielsweise nicht, dass man diesen Beitrag auf den vierten Platz vermutet sondern, dass er die viertgrößte Wahrscheinlichkeit hat zu gewinnen, ein großer Unterschied. Die Daten stammen vom 10.4.17 um 12:29 dt. Zeit.

1. Italien
2. Bulgarien
3. Schweden
4. Portugal
5. Belgien
6. Armenien
7. Australien
(8.) Russland
9. Frankreich
10. Aserbaidschan
11. Dänemark
...
24. Deutschland
...
32. Schweiz
...
36. Österreich
...
41. San Marino, Tschechien, Slowenien

Platz 11: Dänemark

Anja Nissen gewann den Dansk Melodi Grand Prix mit ihrem Powerbeitrag "Where I Am". Die beeindruckende Blondine schaffte somit im zweiten Anlauf die Teilnahme am ESC. Mangelndes stimmliches Talent sollte allein schon durch ihren Sieg bei the voice  Australia selbstverständlich nicht der Fall sein. So ist es auch bei ihrem eher blassen Beitrag, der ohne Anja nie und nimmer da oben stehen würde. Die Wettenden hoffen auf einen ähnlichen Effekt von Dami Im und Australien 2016, als sie mit ihrer Stimmakrobatik einen Löwenanteil der Anrufe verursachte. Der Radiopopsong beginnt mit einem an Gospel erinnerten Einstiegschor und verhält sich zu Beginn recht ruhig. Je länger der Song geht, desto mehr kommt die powervolle Stimme hervor. Dazu sieht Anja noch super aus, hat einen exzellenten Modegeschmack und begeistert im letzten Chorus wirklich jeden Zuseher. Anjas Ausrucksstärke wurde im Vorentscheid blind vertraut, ein Konzept im Staging war nicht zu erkennen. In Dänemark war es in den letzten Jahren Tradition, dass der Auftritt nahezu unverändert zum ESC gebracht wird. Für Dänemark spricht außerdem​ die skandinavische Allianz, die sich gegenseitig gerne Punkte zuschiebt (insbesondere im Zuschauervoting). Dazu kommt sowohl im Semi als auch im Finale, dass sie in Australien praktisch eine sichere 12 der Zuschauer haben wird. Es gibt nur 10 Länder mit höheren Chancen auf den Sieg, laut Wettanbietern.

Platz 10: Aserbaidschan

Der Kaukasus ist durch Dihaj und ihrem Song "Skeletons" ebenfalls im Favoritenkreis. Die Mutter eines Sohnes verbringt viel Zeit in London, schreibt dort ihre eigene moderne Elektro-Musik. Für den ESC hat sich Aserbaidschan allerdings erneut für einen schwedischen Export entschieden. Die moderne Instrumentierung wird durch einen hymnischen, mehrschichtigen Chorus ergänzt und weckt ein modernes, dunkles Gefühl. Beim Staging war Aserbaidschan dazu nie verlegen Dinge auszuprobieren und mit der erfahrenen Künstlerin Dihaj könnte ein kurzweiliges Intermezzo bevorstehen. Sie hat bereits ein aufwendiges Staging angedeutet. Stimmlich ist Dihaj erste Ware und mit der größte Star aus Aserbaidschan. Außerdem verfügt auch Aserbaidschan über viele wohlwollende Nationen in Osteuropa (besonders Georgien, Israel). Dazu kommen oft unerklärlich gute Resultate aus kleineren Ländern, die Raum für Spekulationen (und Pre-Paid Handys) lassen, aber Aserbaidschan fleißig Punkte gibt.

Platz 9: Frankreich

Alma wird Frankreich mit "Requiem" vertreten, dass bilingual vorgetragen wird. Frankreich schaffte nach langer Durststrecke letztes Jahr mit Rang 5 den Befreiungsschlag und hofft diesen Trend beibehalten zu können. Alma arbeitet dabei mit dem Komponisten des letzten Jahres zusammen, hat also durchaus Grund optimistisch zu sein. Der leicht orientalische Einfluss ihres Beitrages , könnte in Osteuropa noch zusätzlich einiges rausreißen. Live hält sie, was die Studioversion verspricht und der Charakter des Liedes lässt ein interessantes Staging zu. Dank der Big5 Regelung muss sie nicht ins Semifinale.

Platz 8: Russland

In meinem letzten Post habe ich praktisch alles über Russland gesagt, was es zu sagen gab. Ich denke nicht, dass Russland teilnehmen wird und daher streiche ich sie aus der Wertung.

Edit 15.4.17: Russland wird nicht teilnehmen und den Wettbewerb ebenfalls nicht ausstrahlen.

Platz 7: Australien

Die Fern-Fern-Ost-Erweiterung 2015 brachte eine neue Instanz, die regelmäßig um den Sieg mitsingt. Mit Rang 5 und 2 kann Australien jenseits jeglicher Diaspora, auf Qualität und Klasse setzen. So auch dieser Jahr mit dem Song "Don't come easy", gesungen von einer 17-jährigen Aboriginal person. Das sehr an Sam Smith angelegte Paket könnte ohne Probleme im Radio gespielt werden und unterscheidet sich nicht von Chartrennern. Die Single konnte sogar in Skandinavien vereinzelte Platzierungen in den Charts verbuchen. Da Australien in den letzten beiden Jahren beim Staging beeindruckte, liegt die Messlatte hoch. Auch stimmlich sind Guy Sebastian und Dami Im in einer handverlesenen Gesellschaft, in die man dieses Jahr erneut vorrücken muss. Die Ballade ermöglicht nebenbei das Verzieren wie Dami Im.

Platz 6: Armenien

Für mich Recht überraschend befindet sich Armenien weit vorne mit der Modeikone Artsvik und ihrem "Fly With Me". Der mit Ungarn einzige traditionelle geprägte Beitrag ist praktisch eine einzige Steigerung, mit der sehr starken Sängerin Artsvik. Es erinnert nicht grundlos an Iveta letztes Jahr, da das selbe Komponisten Ehepaar dahinter steckt. Mit diesen Klängen gelang Armenien der 7. Rang. Der aktuelle Song schreit nach einem aufregenden Staging, da der Song keine Hook bietet. Hier werden die armenischen Choreographen wieder Höchstarbeit leisten, Beyoncé ist die Grenze, die Iveta ehrlicherweise kratzte.

Platz 5: Belgien

Lange lange mit Italien vorne, wurde Belgien auf Grund der Promoevents etwas Wind aus den Segeln genommen. Blanche mit "City lights" befindet sich irgendwo zwischen Lana Del Rey und Lorde. Bei den Preview Events in London und Tel Aviv (Amsterdam musste sie krankheitsbedingt absagen) konnte sie mit ihrer Stimme beeindrucken, doch wirkte wie ein scheues Reh, auch während der Performance. Vertrauen sollte Blanche in die belgische Delegation haben, was man mit Laura letztes Jahr anstellte ist immer noch unfassbar, diese Charismabombe! Bei Blanche muss man ja nur für drei Minuten einen sicheren Eindruck vermitteln. Dazu wird ein modernes, kreatives Staging erwartet, der Song könnte die Radiostationen nach dem ESC fluten.

Platz 4: Portugal
Portugal setzt auf eine verträumte Disney Ballade, die selbst in den 60-ern als altbacken gegolten hätte. Jedoch schauen viele melancholisch auf diesen Beitrag und versinken in eine andere Welt. Dazu ist Portugal der kleine tapsige Welpe, der beim ESC immer auf die Schnauze fliegt und liebevoll von den ESC-Fans wieder hingerichtet wird. Somit wird ein guter Song Portugals oftmals super doll gehypte. Das Staging wird simpel bleiben und wir haben die unprovokatiefste Ballade auf dem kontroversen vierten Platz.

Platz 3: Schweden

Das Melodifestivalen fand einen recht überraschenden Ausgang, als sich zwischen den Favoriten Nano, Wiktoria und Mariette, Robin durchsetzen konnte. Sein Titel "I can't go on" ist lyrisch kein Meisterwerk, verfügt aber über eine unfassbar packende Hook. Der Song wird des Weiteren als eher Nummer sicher beschrieben, was aber mit dem Staging wieder ausgeglichen wird, wie so oft in Schweden. Beginnend im Backstage Bereich, wandert Robin mit seinen 5 Kumpels in maßgeschneiderten Anzügen die Bühne hoch, um dort mit ihnen auf Laufbändern selbstsicher zu posieren. Auf der Bühne wirkt das alles sehr selbstbewusst (verliebt), abseits der Bühne ist Robin jedoch scheu wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Da Christer Björkman als Messias nach Kiew berufen wurde, kann Robin mit großer Sicherheit sein Staging zum ESC bringen, wie üblich in Schweden. Somit ist das potentielle Versagen beim Staging für Schweden ausgeschlossen und ist ein sicherer Hafen für Wettbegeisterte.

Platz 2: Bulgarien

Wer hätte gedacht, dass Bulgarien einmal bei den Wetten soweit vorne liegen würde? Das Land, welches in den Jahren 2011-2013 das Finale verpasste und daraufhin bis 2016 auf weitere Enttäuschungen verzichtete. Nach Poli Genovas sensationellen vierten Rang letztes Jahr, lebt der Hype weiter mit dem erst 17 jährigen Kristian Kostov. Das wohl größte Talent Bulgariens hat russische Wurzeln und lebt, besonders in der aktuellen Zeit, das Motto Celebrate diversity, da seine Familie harmonievoll in Muslime und Christen unterteilt werden kann. Natürlich sind die hervorragenden Quoten auch mit dem Hype zu erklären, aber sie kommen nicht von ungefähr. Beautiful Mess ist eine klassische Ballade mit modernen Einflüssen und herrausragender Melodieführung. Dazu die gefühlvolle Stimme von Kristian und man ist der Hauptherausforderer von Goliath. Teile des Autorenteams haben schon Poli Genovas Song produziert und sind des weiteren mit Serbien und Mazedonien gleich drei Mal dieses Jahr vertreten. Beim Staging wird auch einiges erwartet, um der Favoritenrolle gerecht zu werden. Dazu kommt noch, dass durch Russlands Absage viele Punkte (besonders im Televoting) wieder verfügbar sind und von jemanden abgeholt werden müssen.

Platz 1:

Mit 22% Gewinnchance bei den Buchmachern gut 10% vor allen anderen Beiträgen, so gefällt es der Charismagranate Francesco Gabbani. Sein guter Laune Song geht sofort ins Ohr, trotz Sprachbarriere und kann der nächste große Wurf des ESC'S seit Loreen werden. Dazu kommt ein einfacher Tanz mit einem Gorilla und Anfeuerungsrufe im Song, die sicher in Kiew groß eingefangen werden. Dabei hat sein Occidentalis Karma einen sehr lustigen, dennoch ernsten und hochwertigen Kern. Westeuropäer bilden sich nämlich ein mit Yoga, YingYang, Karma, Namaste und Co ihr Leben zu verbessern, obwohl wir das alles nicht wirklich verstehen und im Grunde immernoch Affen sind, die ihren Trieben nach gehen. Das alles beruht auf einem Studium eines Buches eines Biologen, das Gabbani auf die Idee brachte. Das Staging steht, der Song ist jetzt bereits der erfolgreichste ESC Song auf YouTube aller Zeiten und die Frage ist nur: Rom, Neapel oder Verona? Gabbani favorisiert übrigens Mailand, so weit ist es schon, die Spannung war letztes Jahr doch etwas größer. Doch wer weiß, vielleicht erweißt sich Gabbani als größter FanFavoritFail (FFF) aller Zeiten!

Freitag, 31. März 2017

Zwei selbsternannte Opfer ohne Täter

Das Drama war vorprogrammiert, die EBU ignorierte es und nun haben wir den Salat: Die Politik-Eskalation des ESC's hat einen neuen Urknall erreicht, nur Täter gibt es weit und breit keine. Zwei total verhärtete Fronten, die jeweils die Gegenseite beschuldigen für die hohen Opferzahlen verantwortlich zu sein und dazwischen eine heillos überforderte Anstalt, die Neutralität predigt, sich dabei aber auf eine Seite schlägt. Herzlich Willkommen im Clown-Hamsterrad, oder anders ausgedrückt, Willkommen zum ESC 2017, Willkommen in der Ukraine!

Von Beginn an deutete sich an, dass der aktuelle Konflikt in der Ostukraine, zwischen eben dieser und Russland, auch Auswirkungen beim ESC haben werde. Welche Dimensionen das nun alles annimmt, wäre durch ein konsequentes Auftreten der Organisatoren von der EBU vermeidbar gewesen. So dreht sich das Eskalationsrad weiter und weiter, außerhalb jeder Kontrolle und die Musik wurde schon längst überrollt.

Wir rollen den ganzen Fall zurück und versuchen das Geschehen chronologisch geordnet in mundgerechten Häppchen an den Mann zu bringen. Aus russischer Sicht beginnt das Dilemma im März 2016, aus der Sicht der Ukraine zwei Jahre früher. Im Jahre 2014 begannen nämlich die Ausschreitungen in der Ukraine und die, zumindest Beeinflussung Russlands, wobei vieles für mehr spricht. Die Krim Annexion, der Flugzeugabschuß und die Unterstützung der Separatisten in Donezk und der gesamten​ Ostukraine durch Russland, führten die Ukraine in einen Bürgerkrieg und einen Krieg, gegen ein Gespenst, das selbst jegliche Beteiligung leugnet. Auch beim ESC 2014 hatte das ganze Auswirkungen. Die Ukraine, welche gerade einen Pro Westlichen Kurs Dank der Maidanrevolution (Euromaidan) eingeschlagen hatte, wurde in Dänemark von der restlichen europäischen Gemeinschaft solidarisch bejubelt und unterstützt. Das belanglose Liebeslied Tick Tock, konnte im Nachhinein als Zeitbombe verstanden werden. Das von vielen Europäern als schuldig angesehene Russland schickte ein minderjähriges blondes Zwillingspaar, das ein Liebeslied schmetterte. Liebe empfanden zu dieser Zeit nur wenige Menschen für Russland und so kam es, dass die beiden in ungeheurer Lautstärke ausgebuht wurden. Sie versuchten sich nichts anmerken zu lassen, doch man sah es ihnen an, dass ihnen der Moment mehr weh tat, als sie ihn genießen konnten. Ihr großer Moment, zerstört von der Politik des Landes.

Hier startet das Eskalationsrad mit den ersten Schwüngen, praktisch wie das Hamsterrad, das bei der Ukraine auf der Bühne stand. Der Riss zwischen Putinreich und dem Rest des Wettbewerbs wurde deutlich. Ein konsequentes Auftreten der EBU, insbesondere von Jon Ola Sand wäre bereits hier nötig gewesen. Ein einfacher Regelzusatz: Länder, die gegeneinander einen Krieg bestreiten, dürfen auf Grund dieser politischer Brisanz nicht teilnehmen. Das wäre es gewesen, doch so kam das nächste Jahr.

2015 sagte die Ukraine ab, der Konflikt wirkte sich zu stark auf den Etat des Landes aus und für Musik war nun wahrlich der falsche Zeitpunkt. Russland hingegen nahm Teil und schickte das im Nachhinein fast zynische "A million voices". Eine Friedensballade, mit diesem Text: "Wir beten für Frieden und Besserung, ich hoffe, wir können neu starten" Einige Monate nach der Krim Annexion, ein Schelm, der eine Verbindung sieht. Der europäische Zuschauer fand die sehr gefühlvolle und ausdrucksstarke Polina so toll, dass man sie auf den zweiten Platz hob, 12 Punkte aus Deutschland nebenbei. Hier ist es nun durchaus strittig, ob man es als Provokation gegenüber der Ukraine sehen muss. Man kann es auf jeden Fall, die Beweggründe werden nie aufgedeckt werden. Die EBU verlor jedoch hier erneut die Kontrolle über ihre Neutralität (welche die EBU schon lange in anderen Fällen verloren hatte). Die russische Sängerin wurde von Teilen der Halle ausgebuht, als sie größere Wertungen abkassierte. Darauf wurde ein Jubeln aus der Konserve abgespielt, sobald es Punkte gab. Ist es politisch neutral, die Meinung der Zuschauer zu unterdrücken und zu verschleiern? Ist das nicht auch schon eine Form der Einflussnahme, wenn man das negative Bild Russlands, versucht in ein anderes abzuändern?

2016, also der Start der russischen Version, war der bisherige Höhepunkt. Während Russland einen unpolitischen Song nach Stockholm schickte, entschied sich der Rückkehrer Ukraine für etwas Gewagtes. In einem skandalösen, von Politik bestimmten Vorentscheid, setzte sich Jamala mit "1944" durch. Die Krimtatarin verarbeitete darin die Geschichte ihrer Großmutter, die damals von Stalins Schergen von der Krim deportiert wurden. Man muss kein Politikwissenschaftler sein, um die Lyrics auf die aktuelle Krimsituation anzupassen. Jamala bekräftigte immer lautstark, dass es ihr nur um die Geschichte ihrer Großmutter ginge. Da sie bisher keine sonstigen politischen Aktivitäten startete, glaube ich ihr. Jedoch glaube ich daran, dass sie die aktuelle Situation für sich ausnutzte. Die Zuschauer in der Ukraine empfanden natürlich den selben Schmerz um die Krim in 2014 und sie hatte zur richtigen Zeit, das richtige Lied. Somit war der Erfolg von ihr fast sicher, am Ende jedoch noch knapper als vermutet. Als der Beitrag fest stand, waren sich viele Foren einig, dass die EBU daran etwas zu beanstanden haben muss! Die Russen drehten natürlich am Rad, machten schöne Kampagnen auf Russia Today und Politiker beschäftigten sich mit dem Thema. Die EBU jedoch ließ den Beitrag (den Text) ohne Beanstandungen zu und nun hatte sie die Kontrolle vollkommen verloren. Es kam am Finalabend natürlich wie es kommen musste: Die Russen gewannen das Publikumsvoting, landeten in der Jurywertung aber abgeschlagen weit hinten. Die Juroren der westlichen Länder haben ja nicht für Russland stimmen dürfen, argumentieren später viele russische Politiker. Fehlende musikalische Qualität, gepaart mit der riesigen Diaspora Russlands, sorgen für den Unterschied, argumentierten hingegen die Kritiker. Wie so oft, liegt die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte. Das Bild des Abends: die vorne liegende Ukraine oben, der auf seine Punkte wartende Sergey aus Russland unten. Ukraine jubelt über enttäuschten Russen und "besiegt" diese praktisch.

Boykottforderungen aus Russland standen seit jenem Maiabend auf dem Tagesplan. Die Ukraine war ein stolzer Sieger, durch das neue Nationalgefühl auch von einer Ausrichtung trotz fehlender Halle überzeugt. Die EBU genehmigte der Ukraine die Austragung, trotz des stehts laufenden Konflikts in der Ostukraine. Das Rad drehte sich zu schnell, um es noch zu stoppen. Nun holte sich Bürgermeister Klitschko den Wettbewerb nach Kiew, ins bisher schmucklose Messegelände. Darauf war lange nichts von den russischen Teilnahmeambitionen zu hören, bevor sie 24 Stunden vor Frist diesen Beitrag einsendeten:

A flame is burning

Da ich, im Gegensatz zur EBU weiß, dass ich keinen neutralen Bericht schreiben kann, werde ich nun sowohl die Perspektive aus Russland und der Ukraine darlegen. Die Qualität des Songs lasse ich dabei außer Acht. Für mich persönlich der schlechteste Beitrag seit 2015.

Russische Perspektive:

Wir haben uns nach langer und intensiver Diskussion entschlossen, am ESC teilzunehmen. Wir glauben an den unpolitischen Charakter des Musikwettstreits und hoffen, dass die Ukraine uns fair behandelt und unsere Sicherheit vor ukrainischen Nationalisten gewährleistet. Der ESC war schon immer losgelöst von jeglicher Politik und wir hoffen, dass die Ukraine diese Tradition beibehält.

Yulya ist keine normale Sängerin. Seit ihrem Kindesalter ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen, das hielt sie jedoch nicht davon ab, ihre Träume zu verwirklichen. Niemand dachte, dass eine Behinderte erfolgreiche Sängerin werden könne. Niemand dachte, dass eine Behinderte ein Land beim Eurovision Song Contest vertreten könne. Mit a flame is burning erzählt sie die Geschichte, wie ihr Traum (flame) sich endlich verwirklicht und wie stolz, froh und glücklich sie ist, insbesondere, da sie es nie leicht hatte. Der ESC ist ihr großer Traum, bereits bei ihrer Castingshowteilnahme sang sie den ESC Siegerssong von 2007.

Leider erreichte uns die Nachricht von ukrainischen Behörden, dass Yulya nicht einreisen dürfe, da sie eine nationale Gefahr für die Ukraine dar stelle. Eine junge Dame in ihren Zwanzigern, die ihren Traum leben will, sei eine nationale Bedrohung? Diese Einschätzung zeigt die Russophobie und Diskriminierung von Behinderten in der Ukraine. Der ESC wird als Deckmantel der Propaganda instrumentalisiert und da machen wir nicht mit. Wir werden weder teilnehmen, noch den ESC ausstrahlen. Nächstes Jahr, sofern der ESC nicht in der Ukraine statt findet, werden wir Yulya schicken, damit sie ihren Traum erfüllen kann.

Ukrainische Perspektive:

Das ist doch alles ein bis ins letzte Detail geplante Propagandamittel der Russen! Russland hatte von Anfang an gar nicht vor teilzunehmen, dass können wir sogar beweisen. Bevor wir jegliche Beurteilung der Person Samoylova veröffentlichten, gab es ein Treffen der Delegationen, indem die Hotels verteilt bzw. verkündet wurden. Die Russen hatten kein Hotel gebucht.  Sie hätten es allen erleichtert, wenn sie einfach auf Grund der aktuellen Situation nicht teilgenommen hätten. Aber sie treten nach und benutzen des ESC als Propagandamittel gegen uns aus!

Sie verkündeten die Interpretin so kurz vor Frist, um deren Austausch unmöglich zu machen. In den letzten Jahren stand der Interpret jeweils Wochen vor Fristende fest. Zufall? Samoylova darf auf Grund geltender ukrainischer Gesetze nicht einreisen, nicht auf Grund einer von ihr ausgehender Bedrohung. Sie veröffentlichte einige Statements zur Krim auf ihren Sozialen Netzwerken und reiste auf die Krim für Konzerte. Das wäre nicht schlimm, wenn sie über legalen (heißt von der Ukraine) Wege eingereist wäre. Da sie aber von russischer Seite einreiste, startete unser Geheimdienst Ermittlungen gegen sie. Ein Gesetz besagt, dass jeder, der die Krim von russischem Territorium aus bereist, eine dreijährige Einreisesperre in die Ukraine erhält. Nach eingehender Prüfung war das bei Samoylova der Fall.

Dieses Gesetz gilt bereits seit einiger Zeit und wurde nicht für den ESC beschlossen, sondern findet Anwendung bei vielen Personen. Die Behinderung der Person spielt dabei keine Rolle. Wir haben diese Gesetze offen kommuniziert und die Russen haben extra eine Person ausgewählt, die dagegen verstößt, um das alles dann auf die diskriminierenden behindertenfeindlichen Ukrainer zu lenken. Dass das Gesetz nicht nur für Russen gilt, sondern für jede andere Nationalität auch, passt natürlich nicht ins Bild der russophoben Ukrainer. Auch bei der armenischen Interpretin gibt es aktuell Ermittlungen, wegen der selben Problematik, doch ein Ergebnis steht noch nicht fest.

Der ESC ist kein rechtsfreier Raum und geltende Gesetze müssen angewendet werden, es gibt keine Immunität! Somit schiebt Russland uns den schwarzen Peter zu. Entweder wir machen eine Ausnahme und erlauben ihr die Einreise, geben die Krim damit ein Stück auf und verstoßen gegen unsere eigenen Gesetze, oder wir sind die Bösen, die einer Behinderte den Traum zerstören. Im Übrigen haben wir nie Russland ausgeschlossen, sondern die Person. Sollte Russland so viel am Contest liegen, könnten sie ja einen Interpreten bestimmen, der nicht gegen geltende Gesetze verstößt. Ein so großes Land, hat doch bestimmt viele talentierte Sänger. Diese riesige Inszenierung ist nur ein kleiner Teil des Propagandakrieges mit Russland.

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Ob Russland nun teilnimmt oder nicht steht in den Sternen. Die Chancen stehen wohl sehr schlecht. Die EBU allerdings verhält sich alles andere als das von ihr so oft gepredigte neutral. In einem offenen Brief fordert sie die Ukraine auf, Samoylova eine Einreiseerlaubnis auszusprechen, obwohl es glasklar gegen das Gesetz ist. Der russische Einfluss in der EBU scheint riesig zu sein. Offenbar drohen in diesem Brief auch einige Nationen einen Boykott der Veranstaltung, falls das aktuelle Einreiseverbot bestehen bleibt. Ich mutmaße die Russland freundlichen Nationen wie Weißrussland, Serbien, Moldau dank neuem Präsident,... Die Ukraine werde des Weiteren mit Sanktionen in den nächsten Jahren bestraft, gegebenenfalls mit einem Ausschluss, so wie es nach EBU Recht möglich ist. Wer hier nun nicht die Doppelmoral der EBU erkennt, sollte den Absatz erneut lesen. Durch diese klare Positionierung der EBU erhält das ganze eine neue Brisanz. Ein Versuch, Samoylova per Videoleinwand aus Russland zuzuschalten, wurde öffentlichkeitswirksam kund getan, jedoch von beiden Seiten kopfschüttelnd abgelehnt. Da die EBU solche Vorschläge nicht intern verhandelt, sondern mit der Presse unter eine Decke geht zeigt, dass die EBU nur Alibi mäßig um einen Kompromiss bemüht ist. Einen klar Schuldigen und ein Opfer hat die Dachorganisation schon gefunden.

Das eigentliche Opfer sind aber andere. Samoylova, egal ob von Russland willendlich provoziert, wird um ihren Traum gebracht. Der größte Verlierer ist aber der ESC. Der in Zeiten von politischen Krisen oftmals Recht unbeschadet davon kam. In diesem Konflikt jedoch gab man beiden Parteien zu viel Spielraum, es kam viel unglücklicher Zufall hinzu und so riskiert man die Marke damit. Ironisch und lächerlich ist ein Satz, aus dem Appell der EBU an die Ukraine: "Bitte sorgen Sie dafür, dass der unpolitische Charakter des ESC'S nicht beschmutzt wird."

Für das nächste Jahr wünsche ich mir eins: Das Fernbleiben sowohl der Ukraine, als auch Russlands​, bis der Konflikt halbwegs gelöst ist. Doch scheinbar teilt die "neutrale" EBU diese Einschätzung nicht.

So rufe ich: Herr Sand, treten Sie zurück!

Donnerstag, 16. Februar 2017

Totentanz aus Paris

Letzten Donnerstag ging im Trubel des deutschen Vorentscheids eine nicht ganz unwichtige Nachricht etwas unter. Die Franzosen haben ihren Beitrag Alma mit Requiem veröffentlicht. Ein schnelles Fazit des gewollt wiedersprüchlichen Beitrags.

Die Franzosen haben letztes Jahr dank der hervorragenden Top5 Platzierung und Amir, Blut am ESC gelegt und ihre Liebe wiederentdeckt, nachdem sie zwischen 2010 und 2015 meist jenseits des 20. Platzes endeten. Der für die Auswahl zuständige Sender France 2 blieb seinem internen Auswahl Modus treu, mit einer Besonderheit. Wie auch schon bei Amir, ist der ESC Beitrag die zweite Singleauskopplung des noch nicht veröffentlichten Albums. Auskopplung Nummer 1 war in beiden Fällen ein Hit und so hatte man genug Vertrauen in die junge Pariserin. Aber hier enden die Parallelen zum letztjährigen Beitrag nicht. Der Komponist heißt in beiden Fällen Nazim Khalid. Außerdem tritt sie bei der aktuellen Europatour von Amir als opening act auf.

Aber nun etwas mehr zur Sängerin Alma, von der es keine sichere Angabe zu ihrem Alter gibt, da macht wohl jemand einen auf Anastasia (wohl zwischen 27-30). Die eigentlich mit bürgerlichen Namen Alexandra Maquet heißende Sängerin, stammt gebürtig aus Lyon, lebte aber in ihrer Kindheit in Brasilien, Italien und den USA. Als Älteste von einem Schwesterntrio (die Niederlande schicken bekanntlich ein solches) lag es früh an ihr, die Kleinen zu bespaßen. Da halfen ihre Klavier und Gesangskünste doch ganz gut. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete darauf in Mailand für einige Monate. Offenbar war das ihr nicht genug und sie zog nach Paris, um sich der Musik zu widmen. Dort lernte sie auch ihren Songschreiber kennen und die Combo die Frankreich zum Erfolg bringen soll, wurde gegründet.

Nazim Khalid wird einige gute Kontakte zu France 2 gehabt haben, um seinen 2. Beitrag in Folge siegen zu lassen. Gleichzeitig wussten die Verantwortlichen bei France 2 bereits, dass sein Stil sehr gut in Europa ankommt. Ein Paradebeispiel für eine Symbiose. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist dennoch überraschend und kam aus dem Nichts. Es ist in letzter Zeit sehr selten geworden, dass der Künstler zeitgleich mit dem Song veröffentlicht wird. O'G3NE aus den Niederlanden stehen beispielsweise schon seit Ende Herbst fest, werden ihren Song allerdings erst kurz vor Frist im März einreichen.

Ihr Beitrag Requiem ist ein Werk voller Widersprüche, die die Aussage des Songs verstärken sollen: Liebe gibt es in allen Lebenslagen. Unter Requiem versteht man die Feier eines Verstorbenens kurz vor dem Begräbnis. Der Song beschreibt, dass das Leben wie die Liebe anfängt, aber auch schlagartig vorbei sein kann. Sie möchte aber einen Liebhaber haben, der sie selbst in Mitten eines solchen Requiems zum Lachen und Tanzen bringt.  Darüber hinaus verweißt sie auf den geringen Einfluss eines jeden auf die Erde. Wir mögen zwar unser Leben als besonders wichtig erachten, aber wir überschätzen dies. Die Erde wird sich weiter drehen, ein neuer Tag wird kommen und wir werden unwichtig unter der Erde liegen. Man solle die Trauer bei einer Beerdigung eher als Feier des Lebens umwandeln. Denn alles ist vergänglich und wir sollten das Leben genießen. Die Erde dreht sich, aus Funken werden Flammen, aus Mädchen Frauen und irgendwann kommt der Tag, an dem man den nächsten Tag nicht erlebt. Aber sie habe keine Angst, denn wenn die Welt sich nicht mehr drehe, werde sie wieder lieben.

Ziemlich tief gehende und düstere Zeilen, versteckt in einem orientalisch angehauchten Upbeat-Stück. Der ganze Song ist in Französisch und ich muss gestehen, bevor ich die Lyrics kannte, dachte ich nicht an einen solch lyrischen Tiefgang. Im Video ist ein Tänzerpaar zu sehen, welches an den Fassaden Paris' (natürlich inklusive Eifelturm) als schwarze Schatten tanzen. Ich würde diese als Tote interpretieren, die auch nach dem Tode fröhlich zusammen die Zeit verbringen. Ansonsten ist das Video relativ unspektakulär, zwischen Häuserschluchten und Kopfsteinpflaster, sieht man die an Miranda Cosgrove erinnernde Sängerin fröhlich umher tanzen. Der Song hat ja auch eine schöne positive Botschaft, die jedoch zum nachdenken anregt. Das Beste, was ein Autor erreichen kann.

International kommt der Titel sensationell gut an. Ob das natürlich nur an der bis dahin bekannten Konkurrenz lag? Lyrisch gefällt mir dieser Beitrag deutlich besser als der Französische letztes Jahr, der doch arg flach und typisch war. Dafür war er melodisch deutlich einprägsamer und trotz Sprachbarriere international Mehrheitsfähig. Bei Requiem habe ich da so meine Zweifel. Beim ersten Hören empfand ich den Song als schrecklich, da das Wort/Ton Verhältnis viel zu unausgewogen ist. Dazu die orientalischen Klänge, das hat mich vollends verwirrt zurück gelassen. Ich verstehe nun natürlich, dass man da viel Text rein packen wollte, aber am Ende des Tages, wird sie sowieso keine Sau verstehen. Selbst wenn, achten Sie bei 26 Songs an einem Abend auf die Texte und interpretieren diese? Man sollte nicht zu viel vom Zuschauer erwarten. Die orientalischen Einflüsse verwirren mich um ehrlich zu sein nach Prüfung ihrer Biographie nur noch mehr. Eventuell war dass das Zutun ihres Schreibers, der ja einen arabisch klingenden Namen besitzt.

Meine große Frage zum Beitrag ist, wie man das auf der Bühne umsetzen möchte, da der Titel ja doch erstmal verschreckt. Ein einfacher Mikroauftritt ist zu langweilig, ein Staging mit Choreographie sorgt für eine Diskrepanz zum Titel und ein Aufbau einer Totenmesse wäre dann wieder zu negativ zur eigentlichen Bedeutung. Das erinnert mich an Aserbaidschan 2016, bei der Samra einen Trennungssong vortrug, der Titel war Miracle. Aserbaidschan rettete sich aus diesem Namensfehler mit viel Pyro, Peng und Feuer. Wie Frankreich aus diesem Dilemma kommen soll, keine Ahnung. Die Sängerin möchte bestimmt ein Thema unterstützendes Staging, was auf Grund der fehlenden Lyrischen Aufarbeitung kontraproduktiv wäre. Ich wage einfach Mal die Prognose, dass sie vor dem LED-Bildschirm stehen wird und ein tanzendes Paar wie im Video auftauchen wird. Die Message könnte dann höchstens durch den jeweiligen Kommentator rüberbracht werden.

Frankreich hat vieles mit dieser Wahl richtig gemacht und unterstreicht seine Ambitionen, gerne mehr Erfolge feiern zu können. Ich glaube nicht an eine Top10 Platzierung, auch da ihre Stimme etwas wackelig wirkt. Aber sie werden auch nicht am hinteren Ende des Feldes landen werden. Ein solider, lyrisch überdurchschnittlicher Beitrag, ohne Hook, wird Frankreich keine Sterne vom Himmel holen, aber die Welt eventuell kurz in Atem halten.

Den Song gibt's hier zu hören

Meine Lieblingszeilen, die ich mit aktueller politischer Brisanz interpretiere, dank Marine le Pen auch in Frankreich anwendbar:" Centuries pass and disappear
What you believe is dead
Is a season"

Sonntag, 12. Februar 2017

Spanien begeistert mit Skandal

Wir kennen doch alle diese klischeehaften Seifenopern, in denen die latinischen Frauen immer so herumschreien. So ähnlich ging es heute Nacht in den spanischen Studios von RTVE her. Das unterhaltsamste, was ich in dieser Saison bisher erleben durfte, entwickelt sich zum größten Skandal der jüngeren spanischen ESC-Geschichte. Aber von vorne:

Um 22:00 Uhr Ortszeit begann der finale Teil des spanischen Vorentscheids. In der ersten Runde, vergleichbar mit dem in Deutschland noch vor 2 Jahren angewendeten Clubkonzert Modus, konnte sich die riesige Dame LeKlein durchsetzen. Es wurde dabei eine Vielzahl von Songs vom Sender veröffentlicht und dann von einer JURY auf drei Teilnehmer gekürzt. Schon da gab es ziemlich ungehaltene Kritik von sehr leidenschaftlichen spanischen ESC-Verrückten, da ihre Favoritin Brequette, mit ihrem Song von Barei (Spanien 2016) nicht weiter kam. Der Song hörte sich so an.

Im also finalen Konzert konnte sich LeKlein mit über 60% gegen ihre Konkurrenz durchsetzen und kam somit in das große nationale Finale von gestern Abend. Sie stieß auf 5 INTERN von RTVE auserwählte Acts. Die Qualität war nicht all zu hoch, nett ausgedrückt. An sich gab es nur 2 weitere Konkurrenten für LeKlein, wobei auch sie nicht über einen Hammersong verfügt. Einmal Mirela, die mit dem billigsten Spanienclubpop antrat und Manel Navarro, eine Lockenpracht mit einem hawaiianischen gute Laune Song. Die Auftritte gingen unspektakulär über die Bühne und aus meiner Sicht wäre nur mit Mirela ein Top15 Platz drin gewesen.

Einige Intervall Acts und Werbepausen später stand die Entscheidung an und das Drama begann. Jeweils 50/50 zwischen einer dreiköpfigen Moderatorenjury und den Zuschauern Zuhause. Die Punkte wurden wie beim ESC verkündet, also jeder Juror und dann kumuliert die Publikumsentscheidung. Juror 1 gab die Höchstpunktzahl von 12 an Manel, die niedrigste mit 5 an Mirela. Juror 2 gab Manel 10, Mirela die vollen 12. Jurorin 3 wiederholte 12 an Manel und nur 5 an Mirela. Macht summa sumarum 34 für Manel und 22 für Mirela, die gar nur auf Rang 3 lag. Das Televoting musste also her, das Publikum begeisterte mit Mirela Sprechchören.

Im Televoting konnte Manel jedoch nur den dritten Rang belegen! Somit war die Chance für Mirela da, denn der zwischenzeitliche Zweite wurde gar Letzter im Televoting. Nur noch sie und LeKlein warteten auf ihre Punkte, sie musste LeKlein schlagen! Und das schaffte sie auch, LeKlein bekam die 30 Punkte und setzte sich mit 52 Punkten hinter Manel, der 58 sein Eigen nennen konnte. Somit wären alle Augen auf Mirela gerichtet und die Fans im Saal preschten ordentlich nach vorne. Stadion Atmosphäre! Sie brauchte 37 Punkte für den Sieg, 35 würden die Niederlage bedeuten.
Sie bekommt...

36 Punkte! Patsituation, da beide Interpreten jeweils 58 Punkte haben und tumultartige Szenen im kleinen Studio spielten sich ab. Wer gewinnt nun? Mirela Sprechchöre. Der Moderator kommt nicht gegen den Schreiberg an. Silencio, Silencio. Hilft alles nichts, die Kontrolle haben die Fernsehmacher nicht mehr. Der Moderator ruft den Notar um Hilfe.

Bereits 2014 gab es eine solche Patsituation zwischen Juryliebling Brequette und Fanfavorit Ruth Lorenzo. Damals gab es die Regelung, dass der Sieger der Zuschauer gewinnt. Eine sehr sehr beliebte und besänftigende Methode, die eigentlich immer angewendet wird. Doch es war alles anders in Spanien dieses Jahr. Denn eine Regeländerung besagt, dass die Jury den Gewinner im Falle eines Gleichstandes bestimmt.

Nun war es am Moderator dem Mirela Publikum und den Zuschauern Zuhause zu erklären, dass ihr Sieger von drei selbsternannten Experten überstimmt wird. 3 Menschen haben das entscheidende Wort gegenüber Tausender Anrufer. Die folgenden Szenen waren Drama pur. Mirela den Tränen nahe sah, wie das Publikum "Mirela Eurovision" verzweifelt brüllte. Silencio, Silencio half nun gar nix mehr, in die Enttäuschung mischte sich Wut. Der Moderator befragte die Juroren erneut, die unter lauten Buh-Rufen das Ergebnis trotz des Protestes bestätigten. Der Gewinner Manel wurde konsequent ausgebuht und ausgepfiffen. Vor dem finalen Singen des Siegerssongs fehlte seine Gitarre und war nicht auffindbar. Dieses Vakuum nutzen die Zuschauer, um zu beleidigen und zu buhen. Der schnellste Abspann der Fernsehgeschichte folgte darauf hin und das Signal war beendet.

Dieses Chaos bereitete mir ein breites Grinsen ins Gesicht, da es nichts besseres als Schadenfreude gibt. Das alles war nur der Anfang, einer beispiellosen nationalen Demontage. Es folgte ein Shitstorm gegen Manel auf allen sozialen Netzwerken mit Morddrohungen und Angriffen unter der Gürtellinie. Er nahm die Wahl ja an, was die Spanier als Angriff ihrer Meinung sahen. Auch die Facebook Seiten von RTVE blieb nicht verschont und es existiert mittlerweile eine Petition, um Mirela nach Kiew zu schicken. Unter dem offiziellen Video kommentieren die sonst so stolzen Spanier: "ruft nicht für Spanien an und bewertet das Video schlecht!" Zum jetzigen Zeitpunkt sind 77% der Bewertungen negativ. Rekord!

Manel ist hier aber natürlich nur das Bauernopfer. Denn man muss sich doch fragen, warum RTVE die Entscheidung gegen das Volk will. Das große Unverständnis kommt daher, dass alle 6 Kandidaten ja von einer Jury bestimmt wurden, auch LeKlein. Somit hätte man sich den Vorentscheid auch sparen können, wenn es nur darum ging, den Juryfavoriten zu schicken. Mirela gewann das Televoting klar, bei 6 Acts kaum noch deutlicher zu schaffen. Die spanischen Fans gelten immer als sehr passioniert und RTVE lud extra einen großen Haufen Fans ein. Man hätte erahnen müssen, dass dieses totalitäre Verhalten zu einem totalen Chaos führen würde. Eine Schlägerei oder eine Stürmung der Bühne stand wirklich kurz bevor.

Aber auch Verschwörungstheoretiker machen sich diesen Vorentscheid zu eigen. Denn es ist doch recht seltsam, dass zwei Juroren Mirela auf den letzten Rang setzen. Scheinbar gibt es Belege dafür, dass diese beiden Jurymitglieder Kontakt zu Manel gehabt haben und sogar an der Songproduktion beteiligt waren. Diese Belege habe ich noch nicht sehen können, aber einen seltsamen Geschmack hat es trotzdem.

Mirela wurde also des Sieges beraubt, Manel tritt für ein Land an, dass ihn nicht nur nicht unterstützt, sondern ihn angreift und RTVE diskreditiert sich ein weiteres Mal (die Sänger der vergangenen Jahre warfen mangelnde Bereitschaft für Hilfe und ein Desinteresse an einer guten Platzierung vor) Gewinner gibt es praktisch keine. Bis auf Deutschland, dass sehr gute Chancen hat, das Selbstzerstörungslied zu überholen.

Der Song Do It For Your Lover ist übrigens ein Sommerhit und gar nicht schlecht. Kein Kandidat für die linke Seite, aber grundsolide und ziemlich catchy. Mich persönlich würde noch interessieren, ob sein Postchorus als Musik oder als Stimme gilt. Beim ESC muss ja jede Stimme live sein und dieses elektronische Zwischenspiel kommt zwar aus einem Menschen, wurde aber elektronisch überarbeitet. Ich schätze aber, dass es im Moment wichtigeres gibt in Spanien. Ich hoffe , dass sich die Wogen glätten oder Manel zurücktritt, denn genießen wird er das nicht können.

Samstag, 11. Februar 2017

Busy Saturday

Der Tag in Auckland ist praktisch vorbei, doch in Europa beginnt der ESC-Tag in ein paar Stunden.  Es gibt Vorrunden in Estland, Schweden, Litauen und Ungarn. Als letzte Big5-Länder werden Spanien und Italien ihre Songs auswählen. Eine vereinzelte ganz ganz flotte Prognose:

Italien:
Der 5. und finale Abend in San Remo ist das große Ende des prestigeträchtigen Festivals. Ich habe mich leider nicht all zu ausführlich mit dem 16 Akt starken Starterfeld auseinander gesetzt, Al Bano ist leider ausgeschieden. Der Statistik nach müsste ein Mann dieses Jahr gewinnen, da sich Italien seit 2011 immer geschlechtlich abwechselt.

Spanien: Der Preis für den schwächsten Vorentscheid werden sich die Briten, Deutschen und Spanier holen. Schrecklich, was uns auch hier angeboten wird, mit einer Ausnahme. Mirela mit Contigo, dem wohl klischeehaftesten Song aller Zeiten. Der Einäugige ist aber eben der König unter den Blinden. Auf Platz zwei erwarte ich die Wildcardgewinnerin Leklein, auf Rang 3 den Song do it for your lover. Flüge nach Madrid müssen wir wohl nicht buchen.

Schweden:

Vorrunde 2 wird in Malmö ausgetragen und wirkt deutlich schwächer als Woche 1 mit den Mitfavoriten Nano und Ace Wilder. Meine erwartete Reihenfolge für heute sieht folgendermaßen aus:

Rang 1 und damit direkt im Finale: Mariette - A Million Years (1)
Rang 2 und damit ebenfalls direkt im Finale: Benjamin Ingrosso - Good Lovin' (7)
Rang 3 und damit in der Hoffnungsrunde: Lisa Ajax - I Don't Give A (6)
Rang 4 und damit in der Hoffnungsrunde:  Dismissed - Hearts align (5)
Rang 5 und damit raus: Roger Pontare - Himmel Och Hav (2)
Rang 6 und raus: Etzia - Up (3)
Letzter wird: Allyawan - Vart har du Vart (4)

Die Zahlen in Klammern sind die Startpositionen. Sowohl Lisa als auch Mariette können auf Finalteilnahmen zurückblicken, Benjamin ist der Sohn einer früheren Melodifestivalen Siegerin und der alte Weihnachtsmann Roger und seine Fackeln, konnten bereits 2 Mal siegen!

Somit gute Nacht aus Auckland und ich sehe mir Schweden und Spanien live zum Frühstück an.

UPDATE:

In Italien ist die Sensation wahr geworden. In einem 5 1/2 stündigen Epos setzte sich Francesco Gabbani mit Occisentalis Karma gegen die 15 anderen campioni durch. Auf Francesca folgt also Francesco und Italien bleibt sich seiner Linie in Sachen Geschlecht treu, dass sich seit der Rückkehr 2011 immer abwechselt. Warum ich seinen Sieg als Sensation betitelt? Ganz einfach: es war der Schritt San Remos in die Gegenwart. Bisher wirkt das Festival doch sehr aus der Zeit gefallen, da die Künstler auf der Bühne oftmals nur am Mikro stehen und sich nicht bewegen. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Songwahl, da tanzbare Lieder weniger als selten sind. Dieses Jahr gewonnen hat allerdings ein Gute-Laune-Pop mit viel Herumgehüpfe auf der Bühne und, ach ja einen tanzenden Gorilla, kein Spaß. In meiner persönlichen Liste ordnet sich Italien ganz weit vorne ein, Rang 1 um genau zu sein.

In Schweden gab es derweil beim zweiten Viertelfinale gar keine Überraschungen aus Blog-Perspektive. Alle Beiträge wurden auf die richtigen Plätze orakelt. In Litauen, Ungarn und Estland konnten sich die jeweiligen Favoriten ebenfalls durchsetzen und in die nächste Runde einziehen.

Neuer Versuch, deutsche Probleme

Den Donnerstagsmarathon haben wir hinter uns gebracht. Nach über 3 Stunden erlöste uns Barbara Schöneberger von den Brainpool Studios in Köln und hinterließ viele Fans ratlos zurück. Was ist der Song dieses Jahr wert?

Der Abend begann mit der Coverrunde und sorgte, so ehrlich muss man sein, für klare Verhältnisse. Helene kann nicht singen, hat aber eine sehr sympathische Art, Yosefine ist unscheinbar, der Kürbiß war bei falscher Songauswahl als Favorit zu nervös, der Hahn im Korb Axel hat eine riesen Stimme, dafür 0 Charisma. Und die letzte im Bunde Levina? Die machte mit einem sensationellen Adele Cover schon in Runde 1 alles klar. Das Publikum verliebte sich und es hagelte nur Lob. In Runde 2 wurde dann zusammen mit Helene und Axel Wildfire performt. Auch hier hatte das Publikum im Saal nur Augen für eine. Es erhob sich sogar! Den Satz, den Jurymitglied Lena brachte, hätte man berücksichtigen sollen: "Also von mir aus, kann jetzt Schluss sein!". Aber es ging noch eine gute Stunde weiter. Schon vor dem Finale eleminierte sie alle anderen Gegner, sodass sie gegen sich selbst im Finale stand. Es war eine Machtdemonstration, ein Spiel mit der sogenannten Konkurrenz, die sie wie Amateure aussehen ließ.

Alle im Saal waren sich einig: Wildfire ist der Song, der Deutschland vertreten solle.  Doch dann kam es zu der Verkettung (un) glücklicher Umstände. Levina performte beide Songs erneut, wobei sie bei Wildfire nicht die starke Performance abliefern konnte, wie beim ersten Durchlauf. Dazu wurde dem Zuschauer Zuhause ein Schnelldurchlauf der anderen Nationen 2017 gezeigt, dass ja bisher beinahe nur aus Balladen besteht, wie Wildfire. Der entscheidende Satz des Abends lieferte dann Florian Silbereisen: "Ich weiß nicht, ob es aus taktischen Gründen, dass schnellere Perfect life auszuwählen." Ich weiß nicht, ob Florian Silbereisen eine moralische Instanz ist und ob man auf ihn hört, aber die Zahlen sprechen für sich. Wildfire konnte alle Runden vor dem Finale für sich entscheiden, mehr als deutlich. In der finalen Abstimmung lag dann aber plötzlich Perfect life vorne, und zwar mit 70%.

Es ist also scheinbar soweit, dass wir der Konkurrenz ausweichen und taktisch den Song auswählen, um nicht erneut eine Blamage zurück zu bringen. Das wäre ja nicht schlimm, aber wir haben einen Song zu Recht mit Standing Ovation geschmückt. Das eine Lena in diesem Moment den richtigen Riecher zeigt und abbrechen wollte zeigt, dass es wohl nicht die richtige Entscheidung war. Denn nach dem ersten Hören von Perfect life regte sich kaum was im Publikum.

Perfect life ist also der deutsche Beitrag und einmal mehr halten wir uns an das typische Bild seid 3 Jahren: tolle Sängerin und ein mittelmäßiger Beitrag. Levina ist eine tolle Persönlichkeit mit einer Stimme, die nicht nur einzigartig, sondern auch gut ausgebildet ist. Studierend in London als preisgekrönte Künstlerin, andere Länder würden sich solche Sängerinnen wünschen. Diesem Ausnahmetalent geben wir dann einen Song, der Altkanzler Adenauer gefallen würde: Keine Experimente. Alle möglichen Ecken und Besonderheiten herausgenommen, sodass nur eine graue Songmasse übrig bleibt.

Das einzige, was diesen Song etwas lebendig macht, ist die internationale Diskussion, ob es sich um ein Plagiat eines anderen Songs handelt. Nein, das ist kein Flashback zu 2013 und dem Euphoria - Glorious - Don't you worry Child - Gate. Die ersten Takte von Perfect life klingen sehr ähnlich zu Titanium von David Guetta und SIA , Gott segne sie. Es handelt sich hierbei nicht um ein Plagiat, da die Töne doch in einer anderen Reihenfolge erscheinen, aber es ist ein typischer Fall von: Was hatte neulich Erfolg? Das ändere ich etwas um und baue es in meinen Song ein. So machte es Schweden in den vergangenen beiden Jahren, Dänemark 2010 und Deutschland 2013, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die Kompositionistin arbeitete sogar schon mit Guetta zusammen, also ist das typische "das hab ich noch niiiie gehört" nicht drin. Thomas Schreiber, der Kopf des deutschen ESC Debakels hat angedeutet, noch etwas am Song herum zu schrauben.

Doch das Problem bleibt: in der aktuellen Version werden wir erneut Letzter werden. Ganz einfach, weil kein Juror das als besonders sieht, um Punkte zu vergeben. Und welcher Zuschauer ruft den schon für Füllmaterial an? Das einzige spannende aus deutscher Sicht dürfte sein, ob mit dem neuen Wertungssystem 0 Punkte möglich sind. Galgenhumor muss schon im Februar angewendet werden. Falls jemand vom NDR das ließt: es wird niemand bei einem Song Tausch sauer sein! Wenn Sie wirklich den Erfolg für Deutschland zurück haben wollen, dann empfehle ich, sofort alles bis auf Levina über den Haufen zu schmeißen.

Sollten wir mit diesem Gesamtpaket also nach Kiew fahren  und erneut einen Platz jenseits von Rang 20 erreichen, MUSS das Konsequenzen in Form von Personen haben. Ein Thomas Schreiber ist spätestens dann dran abgesägt zu werden, sollte die ARD ein Interesse daran haben, sich, und viel schlimmer uns, nicht international zu blamieren.

Es könnte so einfach sein, ein einmaliges und kostensparendes Modell zu entwickeln. Aber gerne, ich liefere ja den ersten Schritt in Richtung 2018, denn Kiew habe ich aus deutscher Sicht schon abgehackt.

Option A: Wir geben einen wirklich erfolgreichen Produzenten (damit meine ich international) einen Batzen Geld in die Hand und schreibt einen Hammersong. Ein Name der mit spontan einfällt, wäre Max Martin, der wohl beste Produzent auf der Welt zur Zeit. Dann nehmen verschiedene Künstler eine Demo des Songs auf und ein Panel aus ESC - Interessieren (Journalisten, Fans, Experten) wählt die perfekte Kombi aus. Man spart sich das Geld für einen Vorentscheid.

Option B: Man schaut, welche Songs nach dem 1.09 von deutschen Künstlern veröffentlicht wurden und fragt diese an. Felix Jaehn, Zedd, Milky Chance. Somit kauft man einen internationalen Hit für den ESC ein und der Künstler hat tolle Promomöglichkeiten. Einen Vorentscheid spart man sich auch hier.

Ein letzter Absatz zu Unser Song für Kiew: Die Publikumspartizipation lag in Dimensionen von Millionen Stimmen unter dem Wert für letztes Jahr. Das kann nur zum Teil durch die niedrigste Einschaltquoten seit 2012 erklärt werden. Auch der gewollte Spannungsaufbau von Wertungsrunde zu Wertungsrunde ging schief, da im Finale mit Abstand die wenigsten Stimmen abgegeben wurden. Die Liveband Heavytones war das negative Highlight des Vorentscheids. Nicht, weil sie schlecht spielten, sondern weil sie so unpassend wie ein ägyptischer Ballonkünstler auf einer Beerdigung waren. Beim ESC wird vom Band gespielt, nix Orchester. Diese Verzerrung im Wettbewerb, da die elektronischen Sounds natürlich schlecht umgesetzt werden, war nicht nur unnötig, sondern auch unnötig teurer.

Somit bleibt uns Deutschen einmal mehr nur der Blick in andere Länder. Denn mit unseren Song werden wir keinen Blumentopf gewinnen. Was ich letzter Jahr noch als Horrorszenario ausmalte, wird in diesem Jahr als Fortsetzung gedreht.

Dienstag, 17. Januar 2017

5 (un)glückliche Deutsche Kandidaten

Der NDR mit Thomas Schreiber hat sich also entschieden. Die 5 glorreichen Talente, die live an einem kühlen Februartag gegeneinander antreten werden, stehen fest. Die drei jungen Damen und die beiden Herren stelle ich etwas ausgedehnter vor:

1. Axel Maximilian Feige
Beim ESC wäre der Sänger mit 29 der Älteste deutsche Teilnehmer seit Cascada 2013 und ist auch in diesem Aufgebot der Papa. Er kommt aus Hamburg, spielt Klavier, Bass und Fagott, dazu singt er ganz gerne. Er hatte mehrere Bands, die zwar Covers performten, jedoch hin und wieder auch eigene Lieder spielten. Er selbst ordnet sich eher dem harten Rock zu und seine Lieblingskünstler sind seit mindestens 10 Jahren nicht mehr in den Charts zu sehen.

Erster Eindruck: weiß was er will, nur will ich das nicht. Nix innovatives, wird wohl einen Rocksong oder Rockballade aus den 2000ern beisteuern.

2. Felicia Lu Kürbiß
Überraschung: den Namen dieser Dame kenne ich sogar! 2014 stand die heute 22 jährige nämlich im Finale der Flop-Show rising star auf RTL. Sie stammt aus Bayern, spielt Klavier und hat eine professionelle moderne Gesangsausbildung in Salzburg hinter sich. Lieblingsmusik sind Lieder aus der Kindheit, sie selbst befindet sich jedoch im Elektropop, spannend!

Erster Eindruck: Sehr symphatisch und locker drauf. Erfahrung hat sie, singen kann sie ebenso und ihr Genre klingt vielversprechend.

3. Helene Nissen
Aus dem tiefsten Bayern in den hohen Norden zu Helene. Sie ist 20, macht seit 8 Jahren Musik und ist die unbekannteste aller Teilnehmer. Sie hört gerne Demi Lovato und würde sich im Blues, Jonny Cash ansiedeln.

Erster Eindruck: Schüchtern und 0 Charisma, überhaupt kein typisches Nordlicht. Dazu die Unerfahrenheit und der Musikstil bei Country? Vielfalt ist gut, sie ist nicht gut genug.

4. Isabelle Lueen
Levina ist ein gefördertes Talent: Aus Chemnitz kommend, gewann sie mehrere Preise, darunter Jugend musiziert. Sie studierte in London, wo sie währenddessen weitere Preise abräumte. 2014 wagte sie den Schritt in die Solokarriere und pendelt seitdem zwischen London und Berlin. Stimmlich sei sie im SoulPop unterwegs.

Erster Eindruck:
Sehr viel Erfahrung und Preise gewinnen sich nicht von selbst! Wird das Projekt in eigene Hand nehmen, muss nur auf den richtigen Song hoffen.

5. Wilhelm Richter
Ist eine 19 jährige Pottsau uns nennt sich selbst Sadi. Er stand schon mit Silvie Meis (aka van der Vaart) auf der Bühne, kommt aus Dortmund und studiert Gesang in Essen. Er selbst behauptet, ee habe eine 4 Oktaven Stimme. Aber der kleine hat es faustdick hinter den Ohren. Wie Bild berichtet, darf er sich wegen Betrug dem Richter stellen.

Erster Eindruck: Stimmliche Wucht, charakterlich kein Gewissen.

Am Finalabend von USfK wird es aber sehr kompliziert, ich fürchte zu kompliziert. Es wird wohl insgesamt 4 (!) Votingphasen geben und das grauenvolle: die Erste ist nach einer Runde von Coversongs, der Grundstein jeder Katastrophe. Ja, in einer Castingshow ist es unabdinglich, dass Talente Covers singen. Nein, an jenen Abend brauchen wir einen Künstler, der seinen eigenen Weg gewunden hat. Der ein Lied zu seinem macht. Wenn man das bei Coversongs macht, sie also dem persönlichen Stil anpasst, kommt das oftmals nicht sehr gut an, da es anders bzw. befremdlich klingt. Somit kann man einen Künstler die Chance rauben, bevor er überhaupt seinen Beitrag vorgestellt hat.

Das bringt uns auch schon zum nächsten Problem. Es wurden noch keine Einzelheiten bekannt gegeben, aber jeder Künstler wird 2 Songs vorbereiten. So stelle ich mir dann den Ablauf vor:

Runde 1: Coversongs

Voting --> 4 verbleiben

Runde 2: Song 1

Voting--> 3 verbleiben

Runde 3: Song 2

Voting: --> 2 verbleiben

Runde 4 (Superfinale): Künstler A und B treten jeweils mit ihrem stärkeren (mehr Anrufe) Song gegeneinander an.

Voting: --> Sieger

Insgesamt macht das 14 Songs an einem Abend. Jedoch, wenn man die fünf Coversongs weglässt, werden 9 potentielle ESC-Beiträge vorgestellt. Somit kann ein Kandidat nur einen Song performen, ein anderer sogar gar keinen! Wir hören somit 3 Beiträge überhaupt nicht. Da frage ich mich schon, warum man nicht einfach die Coversongs in die Tonne steckt und stattdessen alle ihre beiden Songs performen lässt, mit abschließenden Superfinale der beiden bestbewertesten Songs. Somit käme man auf 12 Beiträge, also auf 2 weniger, als mit dem aktuellen System. Das hieße mehr Zeit für Babsi Schöneberger.

Kritik ist ja schon und gut
und daher geht es direkt weiter. Der NDR hatte ja international um Songs geworben und damit geprahlt, dass man auch aktiv Labels angeschrieben habe. Nun ja, am Ende haben die Teilnehmer einen Pool gigantischen Ausmaßes für ihre Songs. 2. Im Finale werden 2 Songs immer und immer wieder, zugegeben in völlig veränderten Arrangement, gesungen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob nur zwei Songs eingereicht wurden oder diese beiden so granaten geil sind, dass sie sich von den anderen ohnehin absetzen könnten. Da diese Kompetenz in der Hand des NDR liegt, befürchte ich zweites.

Meckern ist immer einfacher als loben. Und ich muss sagen, dass Deutschland dieses Jahr einen wohl besseren Weg eingeschlagen hat. Zunächst wurde ja das Konzept des Vorentscheids völlig geändert. Nun wird der ESC nicht von schon bekannten Acts als Promo benutzt, sondern ist das Event, weshalb man sich beworben hat. Das Hauptaugenmerk liegt auf Kiew, nicht auf dem deutschen Markt. Das ist natürlich alles nur theoretisch gedacht. Wenn ein fleißiger Manager nach dem Finalabend schon weiter plant und den Esc vergisst, dann haben wir eine neue Ann-Sophie. Was ich ebenfalls gut finde ist, dass man sich mit Bürger Lars Dietrich einen erfahrenen Entertainer ins Team geholt hat. Dieser alleine wird natürlich dem Ansehen des ESC's wenig helfen, aber Promis bringen immer eine Form der Aufmerksamkeit.

Es gibt aber auch noch Dinge, die ich mir noch dieses Jahr wünschen würde. Zum einen wäre das, dass der deutsche Interpret an der Pre-Esc Tour teilnehmen wird. Übrigens sind Amsterdam, Riga und London bestätigt. Das hat den Vorteil, dass die Bubble den Künstler besser kennenlernt, denn schauen wir uns mal die Fanlieblinge 2016 an. Barei (Spanien), Sergey (Russland), Hovi (Israel) und Poli (Bulgarien; alle 2016) haben alle mindestens an einem Event teilgenommen. Jamie-Lee an keinem. Gabi, die Vorletzte wurde, ebenfalls nicht. Ann-Sophie war 2015 in Amsterdam dabei, was aber ehrlicherweiße eigentlich Pflichtprogramm ist.

Das andere ist, dass doch die stärkste Volkswirtschaft beim Contest bitte das offizielle Video auf dem offiziellen YouTube Kanal uploaded. Jamie-Lee besaß ein solches Video, jedoch wurde es nur auf Kanälen hoch geladen, bei denen ihr Management verdient. Wie das beim offiziellen YouTube Account ist, weiß ich nicht, aber welchen Grund sollte es sonst geben, dass offizielle Video nicht zu posten? Dazu kommt, dass das Video einfach nur Dreck ist. Ann-Sophie hatte kein Video, Elaizas Billo-Produktion kann man nicht zählen und auch Cascada lieden ihr Video lieber beim eigenen Label hoch. Kleiner Vergleich: Malta (300.000 Einwohner) lädt jedes Jahr eine hochwertige Performance hoch.

Wie sieht nun meine Vorhersage aus? Schwierig ohne Songs, aber rein von den Kandidaten wünsche ich mir den Kürbis oder Levina. Erfahren, dynamisch und jung. Der Song wird alles nochmal aud den Kopf stellen, ich hoffe aber, dass es wirklich gute Arrangements gibt!

Somit bin ich äußerst gespannt, wie es ausgehen wird und mit welchem Song wir überrascht werden. Mein Gefühl sagt mir nichts gutes, es fühlt sich ähnlich zu Jamie-Lee an. Aber wir befinden uns früh in der Saison, noch kein Song steht in der finalen Version fest und evtl. ist ein Song von Barei (Spanien 2016) im Vorentscheid dabei.

Falls es jemanden interessiert: dieser Post wurde in einer Nacht am Flughafen Auckland erstellt. Ich war zu schwäbisch mir eine Unterkunft für den ersten Tag zu buchen und so nächtige ich am Flughafen neben dem McDonald's.

Freitag, 13. Januar 2017

Finnland will aus dem Schatten der Nachbarn

In diesem Post geht es um den diesjährigen finnischen Vorentscheid UMK und dessen Teilnehmerfeld. In den vergangenen Wochen wurden die Lieder, sowie die Videos der einzelnen Teilnehmer veröffentlicht. Diese analysieren wir, um eine ultimative Prognose abzugeben. Dabei sei gesagt, dass die Finnen oft sehr, nennen wir es mal "unkonventionell" , entscheiden.

Das UMK wird seit 2012 in verschiedensten Formen zur Ermittlung des finnischen Teilnehmers genutzt. Die Abkürzung steht hierbei für Musiikin Uuden Kilpailu, was frei übersetzt Festival der neuen Musik bedeutet, also ein Gegenentwurf zu Florian Silbereisens Festival der Volksmusik ist. Gewählt wird am 28.1 in den Arenen zu Helsinki. Die 10 Gladiatoren werden von Königin Krista (sie führt durch den Abend) empfangen und auf ihre Fähigkeiten im Kampf überprüft. Wer gewinnt, entscheidet eine internationale Jury und das gemeine Volk. Im letzten Jahr verursachte dieses "sorgfältig ausgewählte Feld aus Musikexperten und Kennern" dafür, dass Finnland im Semifinale deutlich scheiterte. Und das gemeine Volk? Das stimmte mehrheitlich für Saara Alto. Genau die, die nach ihrer knappen Niederlage nach London zog und das Königreich bei the X-Factor so begeisterte, dass sie den Silberrang erreichte und einen Plattenvertrag + Sia's Hilfe bekommt. Ja lieber Experten, was wäre wenn...

2016 verzichtet man auf jegliche Semifinals ( es würde ja kein finnischer Song das Finale erreichen haha) und geht mit diesen 10 Kandidaten an den Start:

1.) Zühlke - Perfect Villain

2.) Emma - Circle Of Light

3.) Günther & D'Sanz -Love Yourself

4.) My first band - Paradise

5.) Alva - Arrows

6.) Norma John - Blackbird

7.) Lauri Yrjölä - Helppo Elämä

8.) Knucklebone Oscar and the Shangri-La rubies - Cavemen

9.) Anni Saikku - Reach Out For The Sun

10.) Club la perse - My Little World

Da ich vom Handy aus blogge, kann ich die Videos leider nicht einfügen, daher bitte dem Link folgen.

1. Zühlke - Perfect Villain:

Das Video ist sehr amerikanisch gehalten und erzählt die verhängnisvolle Geschichte einer Undercover Agentin. In einem Verhöhrraum sitzen ein Verdächtiger und ein Emittler, der gerne ein Geständnis hätte. Klappt scheinbar nicht und der Vorhang für Zühlke öffnet sich. Sie probiert es wortwörtlich mit Zuckerbrot und Peitsche, ohne Erfolg. Nun fährt sie zurück in ihr Apartment in einer asiatischen Großstadt und der Verdächtige zündet den Sprengsatz, der unglücklicherweise in Zühlkes Apartment ist. Tot.

Das Video ist sehr toll und hochwertig produziert. Alles wirkt echt, bei den Knutsch - und Duschszenen manchmal zu echt, für Kinderaugen ist das nichts. Generell mag ich Videos, die eine Geschichte erzählen und dieses macht das sehr gut. Schauspielerisch hat Zühlke schon Mal einiges drauf, das wird sich positiv auf den 28.1 auswirken.

Nun zum wichtigen: Der Song. Für mich wirkt dieser wie eine Homage an die 2000er. Power-Pop einer starken Frau, die zwar keine Modell-Maße hat, dafür aber ein starkes Organ besitzt. Kurzum: Der Song selbst könnte ohne Probleme auf einem Christina Aguilera Album sein. Lyrisch ist auch etwas Bewegung drin, da er zunächst Zühlke um den Finger wickelt und später das ganze gedreht wird. Aber textlich gab es sehr viel Gegenwind auf Grund der Passage: "Was würde X-Men machen (...) wenn du das Kryptonit wärst" Finde ich persönlich nicht schlimm, da diese Stelle im Kopf bleibt. Jede Form der Aufmerksamkeit ist positiv für den Betreffenden, siehe Kardashian.

Zühlke wurde 2013 durch eine Castingshow bekannt und hatte schon damals eine sehr gute Stimme. Aber auch live fehlt mir etwas Power, die dieser Song einfach braucht. Da muss geschriehen werden, nicht emotional gehaucht. Beim UMK würde ich mir einige Elemente aus dem Video wünschen. Finster, böse Zühlke und viel Rauch. Die Bridge eignet sich perfekt, um sich auf der Bühne auf seinen Schoß zu setzen und ihn weg zu hauen, schöne Kameraufnahmen sind da sicher.

Gesamt: Grundsolider Beitrag, der mit einem tollen Live-Programm überraschen könnte. Dazu muss Zühlke aber einen super Tag haben.

2. Emma - Circle Of Light

Ach da kommen König der Löwen Erinnerungen hoch, aber Disney hat dieses Meisterwerk nicht komponiert.

Das Video beginnt mit dem Ende. Es werden 2 Geschichten erzählt, die sehr sehr ähnlich sind. 2 Flüchtige verstecken sich vor einem Angreifer. Zum Schluss kämpfen sie, gewinnen die Schlacht, aber verlieren den Krieg. In Szenario A geschieht all das in einem schneebedeckten Wald, mit einem Pfeile schießenden Ninja. In Szenario B befinden sich die Protagonisten in einer Lagerhalle mit einem Angreifer, bewaffnet  durch Pistole. Beide Male gibt es einen Kampf und der Angreifer geht zu Boden, anstatt ihn zu töten wiegen sich die Protagonisten in Sicherheit - mit tödlichen Folgen.

Lyrisch geht es darum, dass es einen Kreis des Lichtes gibt, indem es keine bösen Dinge gibt (Umarmung). Man könne von was auch immer verfolgt werden (Wölfe, Zweifel), aber dort sei man sicher. Auffällig ist, dass das Wörtchen pretend, also so tun als ob, sehr häufig vorkommt. Zusammen mit dem Video wird die also eigentlich schöne Botschaft ziemlich negativ. Du kannst rennen, aber nicht gewinnen, denn die Orte an denen du sicher bist, bildest du dir nur ein.

Emma gilt seit erscheinen der Songs als haushohe Favoritin und mit dem Video verstärkt sie diesen Eindruck. Für mich ist das eines der stärksten Videos. Das Lied würde ich im Ethno-EDM-Greta Salome einordnen. Das internationale Autorenteam hat ea geschafft, dass der Song zwar skandinavisch, aber trotzdem europäisch klingt. Natürlich kommt das durch die Geige und das für mich unterschätzte Becken. Das Werk wirkt für mich wie ein Hybrid aus Wild Dancers (Sieg Ukraine 2004) und Hear them calling me (Island 2016 Greta Salome). Insbesondere der Postchorus ist an Greta angelehnt, natürlich kein Plagiat. Auch mir gefällt der Song gut und der Sieg kann nur über sie gehen. Aber wie sollte das Staging aussehen? Nun, seit Loreen wissen wir, dass man Schnee auf der Bühne haben kann. Ich würde im Postchorus eine Kampfszene gerne sehen und generell eher der Naturszene folgen, um den Ethno-Faktor noch etwas zu steigern.

Gesamt: Wer siegen will, muss sie schlagen. Wären wir nicht in Finnland, wäre sie jetzt schon die klare Siegerin.

3. Gühnter & D'Sanz - Love Yourself

Vielleicht kennen Sie Günther noch, das war die tiefe hauchende Stimme von "uh, you touched my tralala" und ein früherer Teilnehmer des Melodifestivalen. Über D'Sanz ist relativ wenig bekannt, meinen Informationen nach ist er ein spanischer Sänger, der seinen Erfolg als James Blunt Kopie suchte, jedoch nicht fand. Nun also trifft das ungleiche Paar aufeinander.

Vorweg wenig Überraschendes: Natürlich handelt es sich hierbeium einen Funact, der erste von drei (!) in diesem Jahr. Im Video sitzt Günther als heißer Leder-Lustknabe auf einem handelsüblichen drehbaren Bürostuhl und versucht verzweifelt seine Lippen mit seiner Fleischschleimschnecke zu bewässern. Scheinbar unerfolgreich, da er es das ganze Video über weiter versucht. Der Background ist die ganze Zeit über weiß und schießt von Zeit zu Zeit Herzen wild durch die Gegend. Latino-Leadsänger D'Sanz ist ebenso vollständig in weiß gekleidet, nur seine farbwechselnden LED-Schuhe sind aufregend. Ansonsten sieht man in Videos vor allem nackte Oberkörper mit VR-Brillen auf dem Kopf. Diese schauen sich wohl nicht jugendfreies Material an und werden von Günthers Hebel kontrolliert, bitte nicht falsch verstehen.

Die Aussage des Songs ist ziemlich eindeutig: "berühe dich selbst und fühle dieses Kribbeln" Naja, man kann es wie gesagt nicht ernst nehmen. Mir tut D'Sanz ein wenig leid, denn während Günther voll in seinem Element ist, wirkt er etwas fehl am Platze. Als ob diese Kolabaration die letzte Chance, aus Sicht seines Management, für seine Karriere ist. Ein gutes Bild gibt er im Video schon Mal nicht ab. Der Song kommt aus den 90-ern, die Hook zwar einprägsam, doch schon tausendfach gehört und altbacken. Generell ist mir das alles zu erwartbar und zu eindeutig. Diese Figur Günther ist für mich mittlerweile ausgelutscht und hat viele  (bessere) Nachahmer gefunden. Dazu verwirrt mich, was der andere Typ da macht, da dieser ja das durchaus ernst zu nehmend performt.

Wie man da eine gute Performance auf die Bühne bringt. Wohl mit viel Trara und Nebenschauplätzen. Ich würde möglichst selten D'Sanz ins Bild holen, da er sich scheinbar nicht wohl fühlt und das auch deutlich zeigt. Die Rampensau Günther hingegen wird die Kamera verführen. Dazu Tänzer, Konfetti und Lichtshows - Die Finnen könnten das fressen und daran Gefallen finden. Bei den Juroren sehe ich jedoch schwarz, sowas darf da auch ganz einfach nicht gut ankommen.

Gesamt: Ein Sugardaddy geht mit seinem "Opfer" das erste Mal in einen Szenenclub. Er feiert, seinem Sohn ist das alles peinlich und ganz Finnland schaut zu. Wäre ein Plot für ne Telenovela. Für den ESC wird es denke ich nicht reichen und ich habe das Gefühl, dass D'Sanz darüber recht glücklich wäre.

4. My first band - Paradise

Ach ja, ich liebe es ja, wenn erfolgreiche Bands so einflussreich auf Künstler sind, dass die Songs dieser Band sich nicht vom Vorbild unterscheiden lassen. Diese nicht mehr all zu jungen Hüpfer klingen doch verdächtig nach Maroon 5, nicht wahr?

Von roten Lampen angestrahlt steht die Band mitten in einer Sporthalle einer Schule oder Universität. Da bleiben sie auch die ganze Zeit über stehen, nur das Licht ändert sich manchmal und es wird nicht an Konfetti gespart. Es wird dann ab und zu ein junges Pärchen eingeblendet, bei dem s zum Ende des Videos doch ordentlich zu Sache geht. Das wars. Sehr statischer und einfallsloser Weg ein Video zu gestalten, wobei man sicherlich nicht an der Budgetgrenze war. Für einen solch fröhlichen Song ist die Farbwahl ziemlich dunkel gewählt, dadurch wären wir beim Thema.

Hast du was gemerkt? Ist dir irgendetwas aufgefallen? Beim ersten Hören empfand ich diesen Maroon 5 Abklatsch mit jamaikanischen Einflüssen noch ganz nett. Schöne Melodie, gute Stimme, nicht das ganz große Los, aber es wird seine Fans finden. Beim zweiten Hören achtete ich auf den Text und war sprachlos. Hier eine kleine Auswahl: kiss your paradise, leave you paralysed, falling in front of you, working on my appetite, I just wanna have a bit. Das ist X-Rated, texte das auf finnisch um und du hast einen Skandal an der Backe. Dazu das Rotlicht und die Ah ah ah Schreie. Das geht gar nicht. Warum? Ein Günther spielt eine Rolle, diese frechen Finnenrocker wollen ernst zu nehmende Künstler sein. Dieser Text, der kann von pickelverseuchten, hormongesteuerten Pubertätsbands kommen, aber doch nicht von Männern, die sich mindestens in den hohen 30-ern bewegen.

Für das Staging kann man nur weitere Anspielungen vermeiden, sonst wird es noch peinlicher. Ein einfaches Bandstaging ohne viel Tamtam und hoffen, dass die Finnen nicht auf den Text hören. Wenn der Frontmann noch ein bisschen symphatischer rüber kommt und diesen lächerlichen Moustache abnimmt, können sie die Bühne ohne all zu viel Schaden verlassen.

Gesamt: Ein Song, der textlich absolut für fremdschämen sorgt, garniert mit einer Band, die Maroon 5 sehr gut covert. Nope, das hat keine Chance.

5. Alva - Arrows

Wir kommen zur jüngsten Interpretin des diesjährigen UMK's. Die 16-jährige Alva, die als Mini-Me von Krista Siegfrieds gilt. Bei der Pressekonferenz standen beide auf der Bühne und man konnte sehen, dass an diesem Spruch etwas dran ist.

Die typische Teenie-Romanze mit einem Unterschied: Es ist keine. Alva und ihr mit einem autofetisch behafteter Freund, fahren zu Autowaschstraßen, Parkplätzen und Flughäfen, jeweils natürlich mit einem Oldtimer. Dabei haben sie viel Spaß, genießen die Zweisamkeit, doch das Entscheidende fehlt. Keiner macht den ersten Schritt. Keiner traut sich aus der Konforzone der Freundschaft in die unbekannten Weiten einer Beziehung, obwohl beide dies sichtbar wollen. Oder wie wir jungen Hüpfer das zusammenfassen: Friendzone. Währenddessen dreht sich Alva noch einige Male dramatisch in Zeitlupe zur Kamera und blickt mit finsterer Miene bei lila Beleuchtung hinein. Das Video endet mit einem Selfie der beiden.

Als die Lieder noch ohne Videos veröffentlicht wurden, war dies mein Favorit und wenn ich nur an das Lied denke, ist es das auch immer noch. Mir war klar, dass das Video in diese Richtung gehen wird, allerdings hätte ich mir ein bisschen Bewegung gewünscht, eine etwas ausgeflipptere Alva, denn wie im Video ist sie nicht. Ein solcher Mangel an Authenzität hat letztes Jahr den Mitfavoriten Estland den letzten Platz eingebracht. Etwas mehr mit dem Text spielen, dass hätte ich mir im Video gewünscht. Ein paar offensive Handlungen Alvas, die in peinlichen Situationen (die geschossenen Pfeile) enden, aber sie immer weitere vollzieht. Oder auch seine Perspektive verdeutlichen. Eine Aufnahme, in der er über ein Foto von ihr streicht hätte schon gereicht. Aber man hat sich dagegen entschieden und mich nicht als Regisseur beauftragt.

Für mich ist das der beste Text im Vorentscheid. Da süß und doch irgendwie Police "Every breath you take" mäßig. "Ich werde weiter Pfeile in die Dunkelheit schießen (...) um dein Herz zu finden. Ich werde erst aufhören, wenn ich es bekommen habe" Sätze, die man auf RTL selten von jungen Mädchen hört, da dort sofort der nächste Mark-Jeromé gesucht wird. Beim Staging befürchte ich ein Understatement. Wie gut Alvas Stimme ist, kann zur Zeit niemand einschätzen, aber Bühnenpräsenz hat sie sowas von. Viele Close-Ups, starke Mimik strahlt sie aus. Ansonsten habe ich auch keine großartigen Ideen für ein Staging, Tänzer passen nicht wirklich, aber irgendwas sollte passieren. Vielleicht eine kleine Choreo allá Serbien 2007 nur weniger dramatisch?

Gesamt: Mein Favorit und das Dark Horse des Wettbewerbs. Die Jurys werden sie lieben und an den Bildschirmen wird sie auch gut ankommen. Sollte Emma patzen wird sie parat stehen und ach ja: Mit was wird auf Emma im Video Jagd gemacht? Richtig, mit einem Pfeil.

UPDATE: Am 5.1 postete Alva ein Bild auf Instagram, auf dem sie am Mikrofon mit einem Tänzer steht. Also wird man offenbar eine Schauspielnummer dem Song beifügen. In meinem Kopf macht sich das sehr gut! Pass auf Emma

6. Norma John - Blackbird

Das Duo besteht aus der singenden Dame und dem danebenstehenden Typen. Worin genau seine Aufgabe liegt, weiß bis jetzt wohl nur er selbst, aber ich denke schon, dass er eine tragende Rolle auf der Bühne übernehmen wird.

Es beginnt mit einem roten Meer und einem starken Seil in diesem. Danach fahren Norma John nachts mit einem Truck zu einem See und haben einige Materialien dabei. Die Dame bindet sich das Seil um und geht immer tiefer ins Wasser. Der Herr schlägt einen Pfeiler in den Schlamm und bindet das Seil daran fest. Die Dame lässt sich ins Wasser fallen. Stille. Plötzlich zieht der Herr wie ein Besessener am Seil und man sieht in einem Schnitt, wie die Dame das Seil loslässt und keine Regung mehr im Wasser vollführt. Doch anstatt ihrer Leiche, befindet sich nun am anderen Ende des Seils ein Piano, dass der Herr alleine (!) auf den Truck legt, er sieht sehr verzweifelt aus.

Hier mal ein ganz ganz großes Lob an alle Beteiligten des Videos, denn es wurde ein unfassbar gutes und für mich klar das Beste. Man fühlt sich ganz unwohl, es zieht einen mit und ist dabei geheimnisvoll und finster. Die Schauspieler sind nicht die Besten, aber das unterstreicht nur die Klasse dieser Produktion. Norma John können sich freuen: Das Video wird äußerst positiv in den Fankreisen aufgenommen und für mich ist es nun Klassen höher. Blackbird ist kein Lied, sondern ein Soundtrack, dass starke Bilder kräftig untermalt. Ähnlich zu Edurne 2015.

Die sehr klangvolle Ballade in tiefsten Moll wirkt wie Norwegen 2015 ohne den letzten Knall. Ohne Video pendelt das Lied vor sich hin, nimmt keinen Schwung auf und wirkt deutlich länger als 3 Minuten. Aber dank des Videos liegt das HauptAUGENmerk nicht mehr auf dem Lied und dieses kann seine Rolle als Bildverstärker mehr als gerecht werden. Auch lyrisch kommt für mich eine völlig neue Ebene hinzu. Ohne Video dachte ich, dass sie nach einer längeren Beziehung verlassen wurde und dieser Blackbird ein Symbol für ein physisches oder emotionales Andenken an ihn ist. "Du sangst, wenn mein Herz sang. Nun erinnerst du mich an etwas, was ich nie wieder haben werde" Wegen des neuen Videos habe ich neue Interpretationen, dis auch mit der Amsel (Blackbird) zu tun haben. Ich meine, dieser Vogel gilt seit vielen Jahrhunderten in der Literatur als Todessymbol, aber auch als Glücksbringer. Ist dieser Blackbird also eine Erinnerung, ein Geheimnis oder noch stärker: Todessehnsucht? Fakt ist, dass es keinen klaren Ansatz gibt und jeder seinen eigenen Blackbird findet.

Für den Zuschauer bleibt keine Zeit sich solche Gedanken zu machen, er wird nach Staging und Gehör gehen. Der Juror jedoch sollte den für mich künstlerisch hochwertigsten Beitrag deutlich höher bewerten. Wie man das gut auf der Bühne inszeniert ist wohl die Frage aller Fragen. Ich würde um ehrlich zu sein, einfach das Video abspielen im Vollbild und am Ende ein prägnantes Bild auf der Bühne visualisieren. Vielleicht wie er am Piano sitzt, noch völlig durchnässt.

Gesamt: Es ist ein klasse Beitrag, dessen vollständige Wirkung erst mit dem Video kommt. Ich wünsche mir ein tolles Ergebnis der beiden, aber für den ESC ist das wohl doch etwas zu harte Kost. Da würde sich Finnland einen großen Gefallen tun, wenn sie Norma John nicht nach Kiew beordern.

7. Lauri Yrjölä - Helppo Elämä

Der einzige Beitrag in Landessprache kommt von einem Gitarristen, der seit neuesten den Gesang für sich entdeckt hat. Der Videoclip ist ziemlich schnell erklärt: Im Video spielt Lauri in einem futuristisch kalten Restaurant über den Dächern Londons (?) zugleich Barmann und Bedienung, so sparsam bei der Einrichtung. Im Laufe der Zeit tritt eine Frau im besten Alter mit verschiedenen Gefährten in die Lokalität ein und genießt ein hochprozentiges Getränk, serviert vom lässigen Laufburschen Lauri. Von allen drei Männern bekommt sie am Ende der Treffen ein Glitzibitzi. Oder einfach gesagt Schmuck. Sie tut total überrascht und Lauri kann nur staunen. Zwischen diesen einzelnen Dates bekommen wir Lauri zu sehen, der in besagten Restaurant bei Nacht eine Performance abliefert. Bei lila und blauen Licht geht er so richtig ab und wird von 4 Tänzerinnen und einem Lederstuhl umgarrnt. Am Ende folgt noch ein ziemlich unlustiger Witz, den man sich hätte sparen müssen.

Ich habe leider ein ganz ganz großes Problem mit diesem Beitrag: Lauri. Er wirkt auf mich total unsympathisch und das nicht nur im Video. In der Pressekonferenz wirkte er genau so, wie in den Tanzszenen im Video und diese übertrieben überzeugten Gesten kann ich gar nicht ab. Diese Eindrücke hatte ich 2016 bei Freddie und Douwe, beim Ungarn ging das schnell weg und so wünsche ich mir das auch bei Lauri. Gerade, weil mir der Song so gut gefällt. Diese Loungemusik ist ja seit einiger Zeit auf dem Vormarsch und letztes Jahr kam sie ja auch beim Esc an. Für mich ist das Lied an sich nicht all zu besonders oder hochwertig, die Sprache und Aussprache macht es für mich einzigartig. Das ist für mich ESC, wenn die Sprache einem Song das gewisse Etwas gibt. Ähnlich wie bei Zoë letztes Jahr oder Estland 2012. Nimmst du diese Lieder in English - die bleiben im Halbfinale hängen. Finnisch ist ja ohnehin eine sehr befremdlich klingende Sprache und dadurch wird der Effekt noch verstärkt. Natürlich hat auch dieser Song eine Message: Der Titel bedeutetso viel wie angenehmes Leben. Es geht um Menschen, die ohne jeden Skrupel andere für sich ausnutzen, um ein möglichst angenehmes Leben zu führen. Sieht man im Video ja recht deutlich.

Lauri mag zwar über sehr viel Bühnenerfahrung verfügen, aber wie er gesanglich drauf ist weiß man noch nicht. Die Studioversion hört sich ziemlich hochwertig an, was gut ist, da er scheinbar mit Profis arbeitet, aber auch schlecht, da diese ja sehr viel drehen und verschönern könnten. Die Antwort folgt am 28.1. Ansonsten fällt mir zum Staging nichts besonderes ein. Relativ standardmäßig am Mikro und in den Refrains dramatischer Lichtwechsel mit Tänzern, um diese verruchte Atmosphäre zu erlangen. Man sollte des Weiteren dringend seine Hände zügeln und diese Yo Yo Gesten unterbinden.

Gesamt: Mein liebster Beitrag im Radio, der hoffentlich beim UMK nett rüberkommt. Durch das Finnisch hat er das berühmte Alleinstellungsmerkmal und wird damit einige Votes einkassieren. Dennoch rechne ich ihm maximal Außenseiterchancen ein.

8. Knucklebone Oscar and the Shangri - La Rubies - Cavemen

Der wahrscheinlich älteste Teilnehmer Oscar performt den am ältesten klingenden Song Cavemen. Begleitet wird er von 2 Burlesque-Tänzerinnen, was die erste Kolabaration der drei ist.

Der zweite Funact im Vorentscheid hat sich für ein passendes Video entschieden. Zunächst fahren die beiden Tänzerinnen mit einem Truck in eine leere Tiefgarage. Im Laderaum befindet sich ein kleiner Käfig, in dem ein Gefangener mit silberner mexikanischer Wrestlingmaske sitzt und versucht zu fliehen. Mit dem Käfig fahren die beiden Aufzug und erreichen eine neue Ebene. In dieser ist ein Bandset in einem riesigen Käfig zu sehen. Drum herum stehen interessante Gestalten, die auf Action warten. Das ganze Setting ist an einen underground Fightclub angelehnt. Die Blonde Burlesque Barbie zählt runter und pünktlich zum Refrain nimmt der Gefangene die Maske ab und siehe da: Es ist Oscar, wer hätte das gedacht. Dieser flippt nun mit Gitarre völlig aus, eckt wie ein Kreisel an jede Wand an und versetzt die Zuschauer in eine super Stimmung. In der Bridge, in der er über die früheren Tanzriesen singt, befindet er sich in einem Jungel, danke für diese überdeutliche Darstellung. Am Ende gibt es einen kleinen Psy Moment, da es einen Flashmob gibt, an dessen Ende Oscar lässig auf einem Motorad vorgefahren kommt.

Rocky Horror Picture Show. Damit fasst man den gesamten Song denke ich ziemlich gut zusammen. Die Gitarrensoli, die Charaktere und insbesondere der zweite, ansteigende Teil im Refrain ist sowas von inspiriert von meinem Lieblingsmusical. Genau deshalb mag ich das Lied und ist mein Liebster der Unernsten. International kommt er aber mit großem Abstand am schlechtesten an. Am Video kann es nicht liegen, das ist grundsolide, unterstreicht die Stimmung des Songs und ist doch ganz amüsant anzusehen. Ein Großteil der Kritik geht an den Musikstil, gut das ist Geschmackssache, aber vor allem den Text. Da muss ich nämlich recht geben, der macht gar keinen Sinn. "Ich habe keine Filme (...) Ich habe keine Mickey Mouse Pyjama Hosen" Auch der Refrain strotzt nicht wirklich vor Sinn. "Do the cavemen wunderbar" Ja, das Deutsche Wort wunderbar hat es tatsächlich in das Lied geschafft. Da fällt mir auf, dass verdammt oft Deutsch in Funacts verwendet wird, siehe Verka Serduchka oder die Hungry Hearts im Vorentscheid 2016 in Norwegen. Der Unterschied zu cavemen ist, dass diese beiden Songs politische Interpretationsmöglichkeiten offen liesen. Verka aus der Ukraine mit ihrem lasha tumbai alias russia goodbye und die lesbischen Norweger mit der Zeile "auf den Straßen Moskaus, mit meiner Freundin.

Was dieser Cavemen ist, dass weiß man noch nicht. Ein Tanzmove ist es nach langer Googelei wohl nicht, oder ziemlich unbekannt. Der Flashmob am Ende hatte nun auch keinen Move, der den Namen rechtfertigen würde. Aber vielleicht steckt ja doch ein tieferer Sinn dahinter, der sich mir nur noch nicht ergibt. Auf der Bühne dürfen wir uns sicherlich auf Chaos und visuelle Überlastung freuen. Da wird für drei Minuten abgedreht. Tänzer und Flashmob würde mich freuen und ein flummihafter Oscar könnte auch spaßig werden.

Gesamt: Wer nun meint den letzten Platz zu kennen, der könnte sich gewaltig irren. Oscar ist nämlich sehr populär in Finnland und tourte gar durch Deutschland. Somit hat er eine Fanbase, die ihm schon mal einen Vorsprung gibt, bitte nicht unterschätzen. Aber unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es drei Funacts in ähnlicher Richtung gibt, die sich gegenseitig die Stimmen klauen werden, denke ich nicht, dass Oscar eine Chance hat.

9. Anni Saikku - Reach Out For The Sun

Eine weitere blonde Skandinavierin versucht ihr Glück mit einem exzentrischen Video. Zu Beginn sieht man das leuchtende Rechteck aus Calvin Harris' this is what you came for, in einer Nummer kleiner. Danach wird es ziemlich wild und unübersichtlich. Es wechseln sich Goldfische, Anni und Ärsche von Sychronschwimmerinnen in fließenden Übergängen ab. Mal ist Anni über den Dächern Helsinkis, mal im Rechteck und mal in mitten der Schwimmer, einmal sogar auf dem Sprungturm. Unterstützt wird das ganze von einer schwimmenden Kamerabewegung, die den Effekt eines "Trips" verstärkt. Anni ist darüber hinaus nie im vollen Ausmaße zusehen, dick ist sie nicht, hätte man also auch lassen können. Das wichtigste und der letzte prägnante Eindruck zuletzt. Ein Einhorn auf ihrer Lederweste.

Das alles mag nun sehr zufällig wirken, das ist es wohl auch. Ein klares Muster erkenne ich nicht, was nun Tunnel, Rechteck und Sprungturm miteinander zu tun haben. Auch manche Blicke von Anni in die Kamera wirken manchmal dezent unglücklich und machen mir Angst. Es polarisiert sehr stark. Es gibt meine Fraktion, die den Sinn hinter diesem Video vergeblich sucht und die uns Gegenüberstehende die meint, dass das alles künstlerische Ausdrücke sind und einen musikalischen Sinn ergeben. Da muss ich ihnen recht geben, die Musik und das Visuelle harmonieren sehr schön miteinander.

Das Lied würde ich im Felix Jahn chillout Bereich deklarieren. Für mich beginnt es sehr vielversprechend mit leisen Piano Akkorden und kraftvoller Stimme. Der Prechorus ist auch sehr kraftvoll und man erwartet den typischen Drop, an dem die einprägsame Melodie beginnt und alles tanzen oder zumindest wippen wird. Doch dann kommt die große Enttäuschung: Am eigentlichen Höhepunkt befindet sich kein Höhepunkt. Anstatt des Berges hören wir ein Tal. Statt Extase Cannabis. Für mich hat dieser Beitrag sehr viel Potential, nur so wird eben allea zunichte gemacht. Wenn du diesen Song 5 Mal hörst, kann er das #UMK gewinnen, aber wir hören Anni eben nur ein Mal. Chillout Musik braucht seine Zeit um in die Köpfe der Leute zu kommen, die hat sie aber nicht und auf einer Bühne macht sie es sich nicht sonderlich leicht. Da bleiben eigentlich nur lockere Tanzmoves von ihr. Tänzer? Nein, Atmosphäre passt nicht. Gesanglich schätze ich sie sehr gut ein, da das Lied einige Hürden besitzt und um die zu bekommen, muss man schon einiges drauf haben.

Gesamt: Vielversprechend beim ersten Bissen, aber enttäuschend im Abgang, das ist Anni! Sie könnte durchaus einen Hit landen, aber bei einem Vorentscheid könnte es schwierig werden. Die Jurys werden das wohl ziemlich hoch loben, aber wie hoch? Ich spreche ihr nicht sämtliche Chancen ab, jedoch könnte Finnland bessere Wahlen treffen.

10. Club la persè - My little world

Und wir kommen zum letzten Act, dem dritten Funact. Club la persè haben sich in einschlägigen Szenenclubs in Finnland einen Namen gemacht und versuchen nun diesen Schwung mitzunehmen, um als Transvestit-Lordis die Trophäe zu erringen. Wie erwartet, befinden wir uns mit der vierköpfigen Gruppe, auf einer ausgefallenen Party. Zunächt beginnt Miss Lili, die eine ausgesprochene Ähnlichkeit zu Olivia Jones besitzt. Blonde Perrücke garniert mit bienenfarben um die Augen und lila schimmernden Lippenstift. Dazu trägt die Dame ein schönes rotes Kleid, dass sie gewagt in Szene setzt. Dieses besitzt einige Einflüsse aus der Barockzeit und kontrastiert diese wunderschön mit den roten Lederhandschuhen. Dazu verspeißt sie verführerisch Pralinen und der Zuseher erstarrt vor....Eindrücken. Danach ist Ellen Vivian dran, diese sieht ehrlicherweiße am weiblichsten aus. In einem türkisenen hautengen Latexeinteiler, mit ein paar dezenten Ketten und Accessories, wirkt sie wie ein Alien mit verirrten Klamottengeschmack. Im Video haucht sie einige Küsse in die Kamera und sprüht einen gelben Freund mit Konfetti voll. Jean Michelle ist das dritte im Bunde und wirkt wie eine glitzernde Version von Ursula aus Ariele der Meerjungfrau. Blauer Kopf, mit goldener Krone, unter der die goldene Glatze hervorlugt. Ein Mund, der von Konstantinopel bis Paderborn reicht, gibt es mit viel Glitzer auch. Sie trägt ein klassisches weißes Brautkleid ohne Schleppe, dafür mit Scherpe. Das letzte in der Reihe ist Mr C**t, ein blondes Etwas mit Schweinenase (kein sarkastischer Kommentar, er trägt tatsächlich eine) Der Interpret überzeugt mit seinem silbernen Kleid, dass viel Rücken zeigt. Eine Handlung gibt es nicht wirklich, verschiedene Ärsche werden maltretiert.

Trash, Trash, Traaaaash. Aber für mich unterhaltsam und die fröhlichen Finnen werden das wohl ähnlich sehen. Es ist auf seine Art sehr unterhaltsam und dadurch, dass es 4 völlig verschiedene Charaktere gibt, wird der eigentlich langweilige Song zur wahren Spektakelbombe, natürlich glutenfrei. Intoleranz ist in Finnland weniger Thema und sollten sie diesen Beitrag zum ESC schicken haben wir wieder Schlagzeilen, weil irgendwelche Länder das nicht einblenden wollen. Kann sich nach diesen Zeilen noch jemand an den Song erinnern? Aber ich wette Sie können die Charaktere immer noch beschreiben.

Auf der Bühne wird das ein Fest und der Regisseur kann alles verfeuern, was bei den eher ruhigen Songs gespart wird. 3 Rampensäue und ein echtes Schwein werden die Kamera voll im Griff haben. Stimmlich könnte die Schwäche gar zur Stärke werden, da noch mehr Kontrast zu den anderen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: ich bin kein Fan von diesem Beitrag, ich sehe aber das Potential. Natürlich ist das nicht neu und man kennt es schon, ich möchte sie auch gar nicht in Kiew sehen, aber diesen Unterhaltungsfaktor kann man nicht bestreiten.

Gesamt: Politische Botschaft? Dass Menschen wie sienicht in die "kleine Welt" mancher Leute passen? Wer weiß das schon. Außenseiter, jedoch nicht chancenlos dank Fanbase und Aufmerksamkeit. Vergesst aie nicht.

Das wars

Somit komme ich zu folgendem Endergebnis:

Emma wird das Ding gewinnen (Mein Platz 2)

Dahinter wird sich Alva (1) und Club la persè (7) auf dem Podest wieder finden.

Der undankbare 4. Platz geht an Anni(8).

Im Mittelfeld folgen Oscar (4), Lauri (6) und Norma John  (3)

Platz 8 geht an Günther (9), 9 an My first Band (10).

Den letzten Platz befürchte ich für Zühlke(5).

Somit habe ich, das Orakel, gesprochen und freue mich auf den 28.1!

Möge der beste gewinnen!