Lisboa 2018

Lisboa 2018

Samstag, 11. Februar 2017

Busy Saturday

Der Tag in Auckland ist praktisch vorbei, doch in Europa beginnt der ESC-Tag in ein paar Stunden.  Es gibt Vorrunden in Estland, Schweden, Litauen und Ungarn. Als letzte Big5-Länder werden Spanien und Italien ihre Songs auswählen. Eine vereinzelte ganz ganz flotte Prognose:

Italien:
Der 5. und finale Abend in San Remo ist das große Ende des prestigeträchtigen Festivals. Ich habe mich leider nicht all zu ausführlich mit dem 16 Akt starken Starterfeld auseinander gesetzt, Al Bano ist leider ausgeschieden. Der Statistik nach müsste ein Mann dieses Jahr gewinnen, da sich Italien seit 2011 immer geschlechtlich abwechselt.

Spanien: Der Preis für den schwächsten Vorentscheid werden sich die Briten, Deutschen und Spanier holen. Schrecklich, was uns auch hier angeboten wird, mit einer Ausnahme. Mirela mit Contigo, dem wohl klischeehaftesten Song aller Zeiten. Der Einäugige ist aber eben der König unter den Blinden. Auf Platz zwei erwarte ich die Wildcardgewinnerin Leklein, auf Rang 3 den Song do it for your lover. Flüge nach Madrid müssen wir wohl nicht buchen.

Schweden:

Vorrunde 2 wird in Malmö ausgetragen und wirkt deutlich schwächer als Woche 1 mit den Mitfavoriten Nano und Ace Wilder. Meine erwartete Reihenfolge für heute sieht folgendermaßen aus:

Rang 1 und damit direkt im Finale: Mariette - A Million Years (1)
Rang 2 und damit ebenfalls direkt im Finale: Benjamin Ingrosso - Good Lovin' (7)
Rang 3 und damit in der Hoffnungsrunde: Lisa Ajax - I Don't Give A (6)
Rang 4 und damit in der Hoffnungsrunde:  Dismissed - Hearts align (5)
Rang 5 und damit raus: Roger Pontare - Himmel Och Hav (2)
Rang 6 und raus: Etzia - Up (3)
Letzter wird: Allyawan - Vart har du Vart (4)

Die Zahlen in Klammern sind die Startpositionen. Sowohl Lisa als auch Mariette können auf Finalteilnahmen zurückblicken, Benjamin ist der Sohn einer früheren Melodifestivalen Siegerin und der alte Weihnachtsmann Roger und seine Fackeln, konnten bereits 2 Mal siegen!

Somit gute Nacht aus Auckland und ich sehe mir Schweden und Spanien live zum Frühstück an.

UPDATE:

In Italien ist die Sensation wahr geworden. In einem 5 1/2 stündigen Epos setzte sich Francesco Gabbani mit Occisentalis Karma gegen die 15 anderen campioni durch. Auf Francesca folgt also Francesco und Italien bleibt sich seiner Linie in Sachen Geschlecht treu, dass sich seit der Rückkehr 2011 immer abwechselt. Warum ich seinen Sieg als Sensation betitelt? Ganz einfach: es war der Schritt San Remos in die Gegenwart. Bisher wirkt das Festival doch sehr aus der Zeit gefallen, da die Künstler auf der Bühne oftmals nur am Mikro stehen und sich nicht bewegen. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Songwahl, da tanzbare Lieder weniger als selten sind. Dieses Jahr gewonnen hat allerdings ein Gute-Laune-Pop mit viel Herumgehüpfe auf der Bühne und, ach ja einen tanzenden Gorilla, kein Spaß. In meiner persönlichen Liste ordnet sich Italien ganz weit vorne ein, Rang 1 um genau zu sein.

In Schweden gab es derweil beim zweiten Viertelfinale gar keine Überraschungen aus Blog-Perspektive. Alle Beiträge wurden auf die richtigen Plätze orakelt. In Litauen, Ungarn und Estland konnten sich die jeweiligen Favoriten ebenfalls durchsetzen und in die nächste Runde einziehen.

Neuer Versuch, deutsche Probleme

Den Donnerstagsmarathon haben wir hinter uns gebracht. Nach über 3 Stunden erlöste uns Barbara Schöneberger von den Brainpool Studios in Köln und hinterließ viele Fans ratlos zurück. Was ist der Song dieses Jahr wert?

Der Abend begann mit der Coverrunde und sorgte, so ehrlich muss man sein, für klare Verhältnisse. Helene kann nicht singen, hat aber eine sehr sympathische Art, Yosefine ist unscheinbar, der Kürbiß war bei falscher Songauswahl als Favorit zu nervös, der Hahn im Korb Axel hat eine riesen Stimme, dafür 0 Charisma. Und die letzte im Bunde Levina? Die machte mit einem sensationellen Adele Cover schon in Runde 1 alles klar. Das Publikum verliebte sich und es hagelte nur Lob. In Runde 2 wurde dann zusammen mit Helene und Axel Wildfire performt. Auch hier hatte das Publikum im Saal nur Augen für eine. Es erhob sich sogar! Den Satz, den Jurymitglied Lena brachte, hätte man berücksichtigen sollen: "Also von mir aus, kann jetzt Schluss sein!". Aber es ging noch eine gute Stunde weiter. Schon vor dem Finale eleminierte sie alle anderen Gegner, sodass sie gegen sich selbst im Finale stand. Es war eine Machtdemonstration, ein Spiel mit der sogenannten Konkurrenz, die sie wie Amateure aussehen ließ.

Alle im Saal waren sich einig: Wildfire ist der Song, der Deutschland vertreten solle.  Doch dann kam es zu der Verkettung (un) glücklicher Umstände. Levina performte beide Songs erneut, wobei sie bei Wildfire nicht die starke Performance abliefern konnte, wie beim ersten Durchlauf. Dazu wurde dem Zuschauer Zuhause ein Schnelldurchlauf der anderen Nationen 2017 gezeigt, dass ja bisher beinahe nur aus Balladen besteht, wie Wildfire. Der entscheidende Satz des Abends lieferte dann Florian Silbereisen: "Ich weiß nicht, ob es aus taktischen Gründen, dass schnellere Perfect life auszuwählen." Ich weiß nicht, ob Florian Silbereisen eine moralische Instanz ist und ob man auf ihn hört, aber die Zahlen sprechen für sich. Wildfire konnte alle Runden vor dem Finale für sich entscheiden, mehr als deutlich. In der finalen Abstimmung lag dann aber plötzlich Perfect life vorne, und zwar mit 70%.

Es ist also scheinbar soweit, dass wir der Konkurrenz ausweichen und taktisch den Song auswählen, um nicht erneut eine Blamage zurück zu bringen. Das wäre ja nicht schlimm, aber wir haben einen Song zu Recht mit Standing Ovation geschmückt. Das eine Lena in diesem Moment den richtigen Riecher zeigt und abbrechen wollte zeigt, dass es wohl nicht die richtige Entscheidung war. Denn nach dem ersten Hören von Perfect life regte sich kaum was im Publikum.

Perfect life ist also der deutsche Beitrag und einmal mehr halten wir uns an das typische Bild seid 3 Jahren: tolle Sängerin und ein mittelmäßiger Beitrag. Levina ist eine tolle Persönlichkeit mit einer Stimme, die nicht nur einzigartig, sondern auch gut ausgebildet ist. Studierend in London als preisgekrönte Künstlerin, andere Länder würden sich solche Sängerinnen wünschen. Diesem Ausnahmetalent geben wir dann einen Song, der Altkanzler Adenauer gefallen würde: Keine Experimente. Alle möglichen Ecken und Besonderheiten herausgenommen, sodass nur eine graue Songmasse übrig bleibt.

Das einzige, was diesen Song etwas lebendig macht, ist die internationale Diskussion, ob es sich um ein Plagiat eines anderen Songs handelt. Nein, das ist kein Flashback zu 2013 und dem Euphoria - Glorious - Don't you worry Child - Gate. Die ersten Takte von Perfect life klingen sehr ähnlich zu Titanium von David Guetta und SIA , Gott segne sie. Es handelt sich hierbei nicht um ein Plagiat, da die Töne doch in einer anderen Reihenfolge erscheinen, aber es ist ein typischer Fall von: Was hatte neulich Erfolg? Das ändere ich etwas um und baue es in meinen Song ein. So machte es Schweden in den vergangenen beiden Jahren, Dänemark 2010 und Deutschland 2013, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die Kompositionistin arbeitete sogar schon mit Guetta zusammen, also ist das typische "das hab ich noch niiiie gehört" nicht drin. Thomas Schreiber, der Kopf des deutschen ESC Debakels hat angedeutet, noch etwas am Song herum zu schrauben.

Doch das Problem bleibt: in der aktuellen Version werden wir erneut Letzter werden. Ganz einfach, weil kein Juror das als besonders sieht, um Punkte zu vergeben. Und welcher Zuschauer ruft den schon für Füllmaterial an? Das einzige spannende aus deutscher Sicht dürfte sein, ob mit dem neuen Wertungssystem 0 Punkte möglich sind. Galgenhumor muss schon im Februar angewendet werden. Falls jemand vom NDR das ließt: es wird niemand bei einem Song Tausch sauer sein! Wenn Sie wirklich den Erfolg für Deutschland zurück haben wollen, dann empfehle ich, sofort alles bis auf Levina über den Haufen zu schmeißen.

Sollten wir mit diesem Gesamtpaket also nach Kiew fahren  und erneut einen Platz jenseits von Rang 20 erreichen, MUSS das Konsequenzen in Form von Personen haben. Ein Thomas Schreiber ist spätestens dann dran abgesägt zu werden, sollte die ARD ein Interesse daran haben, sich, und viel schlimmer uns, nicht international zu blamieren.

Es könnte so einfach sein, ein einmaliges und kostensparendes Modell zu entwickeln. Aber gerne, ich liefere ja den ersten Schritt in Richtung 2018, denn Kiew habe ich aus deutscher Sicht schon abgehackt.

Option A: Wir geben einen wirklich erfolgreichen Produzenten (damit meine ich international) einen Batzen Geld in die Hand und schreibt einen Hammersong. Ein Name der mit spontan einfällt, wäre Max Martin, der wohl beste Produzent auf der Welt zur Zeit. Dann nehmen verschiedene Künstler eine Demo des Songs auf und ein Panel aus ESC - Interessieren (Journalisten, Fans, Experten) wählt die perfekte Kombi aus. Man spart sich das Geld für einen Vorentscheid.

Option B: Man schaut, welche Songs nach dem 1.09 von deutschen Künstlern veröffentlicht wurden und fragt diese an. Felix Jaehn, Zedd, Milky Chance. Somit kauft man einen internationalen Hit für den ESC ein und der Künstler hat tolle Promomöglichkeiten. Einen Vorentscheid spart man sich auch hier.

Ein letzter Absatz zu Unser Song für Kiew: Die Publikumspartizipation lag in Dimensionen von Millionen Stimmen unter dem Wert für letztes Jahr. Das kann nur zum Teil durch die niedrigste Einschaltquoten seit 2012 erklärt werden. Auch der gewollte Spannungsaufbau von Wertungsrunde zu Wertungsrunde ging schief, da im Finale mit Abstand die wenigsten Stimmen abgegeben wurden. Die Liveband Heavytones war das negative Highlight des Vorentscheids. Nicht, weil sie schlecht spielten, sondern weil sie so unpassend wie ein ägyptischer Ballonkünstler auf einer Beerdigung waren. Beim ESC wird vom Band gespielt, nix Orchester. Diese Verzerrung im Wettbewerb, da die elektronischen Sounds natürlich schlecht umgesetzt werden, war nicht nur unnötig, sondern auch unnötig teurer.

Somit bleibt uns Deutschen einmal mehr nur der Blick in andere Länder. Denn mit unseren Song werden wir keinen Blumentopf gewinnen. Was ich letzter Jahr noch als Horrorszenario ausmalte, wird in diesem Jahr als Fortsetzung gedreht.

Sonntag, 5. Februar 2017

Schweizer Selbstfindungsprobleme

Die Schweiz veranstaltet dieses Jahr eine etwas abgeänderte Version des Vorentscheids. Die Quotenregelung nach Region wurde gekippt und nun kamen die 6 stärksten Beiträge in einen nationalen Vorentscheid. Diese 6 weiblichen Teilnehmer präsentieren die Songs:

"Exodus" von Shana Pearson
"The Fire in the Sky" von Nadya
"Two Faces" von Michèle
"Gold" von Freschta
"Cet air là" von Ginta Biku
"Apollo" von Timebelle

Kleine Anmerkung am Rande: Ich stehe gerade noch unter dem Einfluss des Melodifestivalens und könnte daher noch kritischer sein als sonst.

Den Post eröffnen wird also Shana.

Mit 31 Jahren möchte sie den jungen Hüpfern zeigen, wie es geht. In Gegensatz zu vielen, vielen anderen Teilnehmern an nationalen Vorentscheiden, kam sie in ihrer Karriere bislang ohne Castingshows aus (oder nur so erfolglos, dass niemand davon weiß). Bei Shana kann man durch aus von Karriere sprechen, da sie schon einige Male ihren Namen in den Charts verewigen durfte, auch in Frankreich. Beim ESC würde die Dame mit amerikanischen Vorfahren gerne mit Exodus antreten. Geschrieben wurde er von einem schwedischen Team, welches eher unbekannt ist. Ein Komponist hatte die Hände 2014 beim Melo im Spiel, ein anderer ist mit 16 Millionen verkauften Platten in Asien recht erfolgreich.

Nun ja, zumindest kann sie Englisch ohne Akzent sprechen, das wars aber mit den guten Nachrichten. Der Song ist Eurodance-trash pur und ist leider im letzten Jahrtausend hängen geblieben. Solche Songs kennt man normalerweiße nur aus Moldau oder Weißrussland. Da hilft es auch nicht besonders, dass ihr Kleid wie das der moldauischen Siegerin 2016 aussieht. Das dieser Song in den Top6 der eingereichten Songs ist zeigt, wie schwach die aktuelle Konkurrenz bei den Eidgenossen ist.

Das schlimmste kommt aber noch: ich schätze es nicht als chancenlos ein. Beim verlinkten Video sind die stimmlichen Schwächen eklatant, was aber insbesondere an dem Backgroundherr liegt. Ihre Stimme ist weder sicher noch toll, aber solide. Sollte sie also stimmlich eine solide  Leistung bringen, dann muss sie nur noch mit einer tollen Show vom Lied ablenken. Viele Tänzer und sowas wie Måns, also etwas, wo man wegen der Show anruft, nicht wegen des Liedes. Die Chancen darauf sind aber sehr gering und somit wird uns dieses Lied wohl erspart bleiben.

Nun kümmern wir uns um Nadya.

Diese ist 23 und ein Castingsternchen, wer hätts gedacht! Sie absolvierte eine klassische Gesangsausbilung und nahm daraurhin beim Schweizer Supertalent teil. Dort konnte sie das Finale erreichen und ist nun bereit für den nächsten Karriereschritt. Dazu sollte man noch erwähnen, dass sie nicht die typischen Maße für eine Popsängerin hat und auch glücklich damit zu sein scheint. Der Komponist ist Schweizer und ein Spezialist für wehmütige Volkslieder. Auch sein Weg begann bei einer Castingshow und seit her arbeitet er mit einem Chor zusammen, mit welchem er eher dunklere Themen verarbeitet wie z.B. den Tod seines Vaters.

The Fire In The Sky ist ebenso eine sehr dunkle Komposition. Im Text geht es um eine brennende Welt, dem Teufel und die Auswegslosigkeit. Nadyas Stimme ist wohl die beste im gesamten Vorentscheid, da sammelt sie Pluspunkte. Die Komposition hinterlässt Rätsel bei mir. Während die Verse sehr dunkel klingen und der Prechorus sensationell gelungen ist, wirkt der Refrain hymnisch, fast schon euphorisch, nur melodisch nicht textlich. Und durch diese stimmliche Verirrung hat der Song 0 Wirkung auf mich. Dazu kommt noch, dass Nadya nicht die ausdrucksstärkste Sängerin dieser Welt ist und ihre Kostümwahl mehr als unglücklich war. Aber das sind Dinge, an denen sie arbeiten konnte.

Das Staging an sich würde ich so lassen, eventuell ein Pyroregen wegen fire in the sky, aber nochmal: der Refrain ist mir zu hell, zu euphorisch. Christina Scarlat aus Moldau 2014 mag zwar Letzte geworden sein, aber ihr habe ich diese dunkle Aura abgenommen. Und auch Nadya kann mit einigen wenigen Effekten so etwas zaubern. Ein paar offensive Handbewegungen mit finsterer Miene in die Kamera. Dazu ein Kleid, dass keine schwarzen Blumenmuster beinhaltet. Etwas gewagtes, angst einflößend, Mädl du singst vom Untergang der Welt!

Weiter gehts mit der bipolaren Michèle.

Die Schweizerin ist zwar erst 16 hat aber im Ausland schon eine Castingshow gewonnen - nämlich die erste Staffel von the voice kids 2013. Seither gab es allerdings keine Neuigkeiten von ihr und so wurde klar, dass sie einen neuen Weg einschlagen muss, eine neue Castingshow. Michèle ist die erste hier, die ihren Song Co-getextet hat. Die anderen drei Komponisten sind alles Deutsche, hat hier ja gute Erfahrungen gesammelt. Einer davon hat mir aber die Nackenhaare aufstehen lassen. Der Hofproduzent von Hitmaschine und Stilikone Michael Wendler. Außerdem der Produzent von Pietro  und Sara "Engels" Lombardi und ein paar Hits von Mickie Krause. Außerdem Schauspieler bei Berlin Tag&Nacht. Was?

Im Text geht es um ihren Charakter, der von nett und süß (sugar) bis nach wütend und sauer (salt) reichen könne. Ein paar andere Beispiele wie hell und dunkel werden auch genannt. Der Song ist in den Strophen sehr Sia, wenig Instrumente, Fokus auf die Stimme. Danach geht es etwas R&B weiter, bis zum Michael Jackson Schrei und dem Chorus. Dieser kann der aufgebauten Spannung nicht gerecht werden, da er nur aus fallenden oh oh's besteht, wenn das mal keine Warnung ist!

Der Song lebt von der Interpretin und das sollte ihr heute auch bewusst sein. Nur mit ordentlich Temperament und großen Gesten kann sie in den Köpfen bleiben. Insbesondere im Chorus sollte etwas passieren, da die oh oh Stellen gesanglich keine Hürden sind, dem Fluss des Songs aber zum stocken bringt. Mit diesem Upbeat-Beitrag wird sie auf jeden Fall einen Pluspunkt haben. Aber auch sie sollte ihre Kleiderwahl zumindest noch bedenken. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob eine Blumenbluse die richtige Wahl für einen solch frechen Song ist.

Halbzeit mit Freschta.

Die Schweizer mögen zwar DJ BoBo und können daher als verrückt bezeichnet werden, aber Freschta ist kein typisch schwizer Vorname. Freschta ist eine 20-jährige afghanische Schönheit, die fast ihr ganzes Leben in der Schweiz verbracht hat. Auf Afghanisch hat ihr Name eine tolle Bedeutung: Ängli oder auf Hochdeutsch Engel. Bekannt wurde sie 2014 durch die Teilnahme an the voice, wo sie das Halbfinale erreichen konnte. Darauf schickte sie 2 Songs zum SRF für den ESC, wurde aber bei beiden Versuchen nicht berücksichtigt. Dieses Jahr kam eine Songwriterin auf sie zu und sie schufen zusammen Gold, pardon "gold". Unterstützt wurden die beiden von einem Produzenten, der schon für Cro und Sido arbeitete.

Freschtas Gold ist in Moll geschrieben, ea handelt sich also um ein ziemlich dunkles. Im Text gehe es um Liebeskummer, etwas mit dem sich jeder identifizieren kann. Der Song ist eine klassische Ballade, mit ganz stark zurückgenommener Instrumentation. Dadurch liegt der Fokus voll auf ihrer Stimme und es entscheidet sich recht schnell, ob sie einen berührt oder nicht. Falls sie Erfolg hat, bricht der Hörer jegliche Kommunikation oder Ablenkung ab und versingt in Freschtas Welt. In diesen Augenblick gewinnt sie den Vorentscheid. Aber es gibt auch die Möglichkeit, dass man sich nach 30 Sekunden mit anderen Dingen beschäftigt, da es einen langweilt. Egal wie es ausgehen wird, mich hat sie voll in ihren Bann gezogen.

Genau hier wird der entscheidente Punkt sein. Stimmlich wird sie ganz sicher auftreten, aber alle Aspekte des Stagings müssen perfekt auf ein ander abgestimmt sein, damit wir in ihrer Welt versinken. Dazu gehören Kameraeinstellungen, Schnitte, Blicke, Gesten, Beleuchtung, Kleiderwahl, etc. Letzteres hatte sie bereits angekündigt, werde sie etwas unkonventioneller einsetzen. Ansonsten muss ich Kritikern recht geben, dass es doch etwas zu monoton und eintönig ist. Aber sie hört auf ihre Kritiker, denn sie hat eine etwas neu abgemischte Version veröffentlicht. Etwas mehr Instrumentation und dadurch ein wenig mehr Bewegung. Ich bin sehr gespannt.

Weiter gehts mit Ginta Biku.

Die Sängerin die eigentlich Gintare Kubiliute heißt, wurde in Litauen geboren und wuchs jenseits des Bodensees auf. Die bald 30-jährige kann auf eine festivalreiche und castingarme Vergangenheit zurück blicken. Sowohl in der Schweiz, als auch in ihrem Geburtsland konnte sie einige Erfolge feiern. Nun wird also der ESC mit dem französischen Cet Air La angegriffen!

Der größte Kämpfer ist chancenlos mit stumpfen Waffen. Es wundert mich nicht, dass Preise für ihr Aussehen in ihrer Trivia sind, aber keine stimmlichen Belobigungen. Das ist ganz ganz schlimmer nasaler Gesang und fast so schlimm wie Eric Saade live. Der Unterschied ist, dass Eric Saade immerhin einen tollen Song zerstört, Gintagilde aber schon auf einem Trümmerhaufen steht. Sie versucht modern, gefühlvoll, französisch und Dancequeen in einem zu sein. Ihre drei Tänzer bleiben auf jeden Fall im Kopf, aber die Kleider eben auch. Starlight Express Albatrosse, die sich ihre Flügel für sie ausreißen?! Das war wohl eine fruchtfröhliche Nacht bei der Staging Planung.Ihr Outfit sieht hingegen sensationell aus.

Der Song beginnt mit tropischen Einflüssen und wirkt recht gut. Sobald allerdings die Bridge zum Chorus einsetzt und die Töne länger werden, versagt die Harmonik und das Lied völlig. Spannung und Tempo sind raus, da hilft auch der lyrisch starke La La La La Refrain nicht. Dieser wird in einem Instrumentalwirrwarr aufgelöst, was ich so noch nie gehört habe. Wenn ich ganz viele tolle Elemente in drei Minuten komprimiere, dann erlange ich einen Overkill. Wenn ich aber nur ganz schreckliche Elemente komprimiere, erreiche ich einen negativen Overkill. Mehr muss ich hierzu nicht sagen außer, dass die komplett französische Version deutlich authentischer klingt. Wenn die Komponisten immer sowas produzieren wundert es mich nicht, dass man sie nicht kennt.

Das große Finale für Favorit Timebelle.

Bereits 2015 war diese Multikultiband beim Vorentscheid dabei und galt wie heute als Favorit. Dieses Jahr haben sie aber einiges umgestellt. So wurde die Band halbiert, um der rumänischen Sängerin drei Backgroundsänger zu Verfügung zu stellen. Den Song hat man aus 2015 aus dem tiefsten Kaukasus ausgegraben, denn er wurde 2015 in der internen Bewerbungsrunde in Aserbaidschan ausselektiert. B-Ware scheint aber bei den Schweizern die neue A-Ware zu sein und so nahm sich Timebelle den schwedischen Song.

Nur mit Piano begleitet startet der Song mit der starken Sängerin im schrill gelben Kleidchen, bitte umziehen! Der Song baut sich typisch schwedisch auf und am Ende haben wir einen starken Refrain, der mich etwas zu sehr an Jessie J Nobodys perfekt erinnert. Es ist fast schon bezeichnend, dass diese zweite Wahl überall als Favorit gilt.  Wenn man dazu noch die Inszenierung etwas spannender gestalten würde, wäre der Sieg kaum zu verhindern.

In ein paar Stunden werden die Kandidaten in folgender Reihenfolge antreten:

1.) Nadya - The Fire In The Sky
2.) Ginta Biku - Cet Air Là
3.) Michèle - Two Faces
4.) Freschta - Gold
5.) Shana Pearson - Exodus
6.) Timebelle - Apollo

Somit bekommt Nadya die gute Position, die Bühne zu eröffnen, Freschta, Shana und Timebelle haben ebenfalls Glück gehabt. Ginta kann auf Rang 2 eigentlich gleich aus lassen und Michèle wird auch nicht glücklich sein.

Meine persönliche Wertung sieht so aus:

1.) Freschta - Gold
2.) Timebelle - Apollo
3.) Nadya - The Fire In The Sky

4.) Michèle - Two Faces

5.) Shana Pearson - Exodus
6.) Ginta Biku - Cet Air Là

Die Lücken sollen zusätzlich noch die Abstände zeigen. Nach Betrachtung aller Fakten und Spekulationen, die ich als alternative Fakten bezeichne, erwarte ich folgendes Endergebnis:

1.) Timebelle - Apollo 60% Siegchance
2.) Nadya - Thr Fire In The Sky 15%
3.) Michèle - Two Faces 11%
4.) Freschta - Gold 9%
5.) Ginta Biku - Cet Air Là 4% (da Französisch)
6.) Shana Pearson - Exodus 1%

Viel Spaß beim Vorentscheid und möge die Unschrecklichste gewinnen!

ERGEBNIS: Wie erwartet konnte Timebelle die Mehrzahl der Zuschauer hinter sich bringen. Mit einem Erdrutschsieg von beinahe 50%, sind sie der klare Favorit der Schweiz.

Freitag, 3. Februar 2017

Melodifestivalen Runde 1

Es geht endlich los! Der jährliche feuchte Traum der ESC-Community geht in die erste Runde 2017. Für den unwahrscheinlichen Fall, das ihr noch gar nichts mit der Mutter aller Vorentscheide zu tun hattet, noch einmal kurz die Regeln:
In insgesamt vier Viertelfinals treten jeweils 7 Interpreten gegen einander an (nächsten 4 Samstage). Die Zuschauer stimmen ab und die Platzierten teilen sich so auf:
Rang 1:    -> Finale
Rang 2:   - > Finale
Rang 3:    -> Andra Chansen
Rang 4:    -> Andra Chansen
Rang 5-7 -> fliegen raus

In der Andra Chansen Show versammeln sich somit 8 Beiträge, die jeweils im KO-System halbiert werden. Diese 4 Beiträge kommen auch ins Finale, dass somit 12 Plätze besitzt. Klingt komplizierter als es ist und im Vergleich zum deutschen Vorentscheid ist dieses Verfahren Kindergeburtstag.

Das besondere am Melo ist, dass die Songs bis zur Show nicht veröffentlicht werden, bzw. zur Hauptprobe am Donnerstag. Da erschienen nämlich 1-minütige Auszüge, anhand ich eine Prognose abgebe. Kurz zu den Teilnehmern:

Mit Boris Renè und Ace Wilder haben wir zwei letztjährige Finalteilnehmer an Bord. Ace konnte den 3. Rang erreichen, 2014 sogar wurde sie nur haarscharf als 2. geschlagen. Dinah Na war 2015 Finalteilnehmerin, hatte mit dem Ausgang der Show aber nichts zu tun. De vet du sind der diesjährige Funact, übernehmen also das Erbe von Günther oder Sami und Victor. Nano und Arijana sind frische Gesichter, während Charlotte Perrellis nur dank Botox neu aussieht. Sie gewann das Melodifestivalen 1999 und 2008 und fuhr zum ESC. 1999 holte sie sich die Trophäe, während sie bei ihrer Rückkehr 2008 fast blamabel im Semi hängen geblieben wäre.

An Hand der kurzen Songschnipsel, die hier zusammengefasst wurden, lässt sich nur schwer eine Prognose errichten, aber ich gebe mein bestes. Die genauen Positionen werden übrigens erst nach dem Finale veröffentlicht, um Wähler nicht zu beeinflussen. Die Nummer in der Klammer geben die Startpositionen an.

Rang 1: Nano - Hold On (7)
Rang 2: Ace Wilder - Wild Child (6)
Rang 3: Boris Renè - Her Kiss (1)
Rang 4: Charlotte Perreli - Mitt liv (5)
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Rang 5: Dinah Na - One more night (3)
Rang 6: De Vet Du - Road Trip (4)
Rang 7: Arijana - Amare (2)

Am Samstag wird es zur besten Sendezeit die Auflösung geben. Mal sehen, ob das stärkste Teilnehmerfeld aller Zeiten, auch das stärkste Melo aller Zeiten wird!

UPDATE:

Die Ergebnisse sind da und es sieht folgendermaßen aus:

Ace Wilder und Nano erreichen direkt das Finale.

Renè und De Vet Du dürfen in die Hoffnungsrunde

Dinah Na, Charlotte und Arijana sind raus.

Somit habe ich drei der vier Qualifikanten richtig bestimmt. Nur der Schlagerqueenbonus bei Perrelli hatte ich für zu hoch erachtet. Fanfavorit Dinah Na konnte sich somit nicht qualifizieren, was sich dennoch andeutete, da die schwedischen Youtuber von DVD eine große junge Fanbase besitzen. Die beiden Lieder, die mir persönlich am besten gefallen sind Ace und Boris, somit also zwei Qualifikanten.

Nächste Woche gibt es das Wiedersehen mit zahlreichen bekannten Gesichtern und einem ehemaligen Sieger!

Donnerstag, 2. Februar 2017

#Roadtokiew: Europäische Kurzmeldungen

Ein schneller Überblick über News der letzten Wochen aus allen Teilnehmern kompakt in einem Post.

Einige Zeitpunkte für Songveröffentlichungen wurden angekündigt. So soll Österreich mit Nathan am 28.2 seinen selbstgeschriebenen Song veröffentlichen.

O'G3NE aus den Niederlanden folgen kurz darauf Anfang März. Ob der Titel des Vaters auserwählt wurde, verrieten die drei Schwestern nicht.

Genaueres gibt es dafür aus Zypern. Der Sänger Hovig, der einen Song von der schwedischen Allzweckwaffe Thomas G:son singen wird, hat Hinweise auf den Titel des Songs gegeben. Für mich ist der Name Gravity sehr plausibel, aber gesichert ist noch nix. Sein Song wird Ende Februar der Eelt vorgestellt werden.

Aus Serbien gibt es nun auch endlich Infos. Es wurde bestätigt, dass man intern einen Künstler mit passendem Lied Anfang März vorstellen werde. Dieses System wurde bereits 2016 benutzt. Viele Namen liegen nun im Topf und die Gerüchteküche brodelt.

In Moldau gab es einige Dramen, wie jedes Jahr, indem Vorentscheidsteilnehmer munter durchgewechselt wurden. Ein Teilnehmer musste sich zurück ziehen, nachdem der Song bereits vor einigen Jahren bei einer russischen Unterhaltungsshow gespielt wurde und damit gegen EBU-Richtlinien verstößt. Ein anderer Beitrag wurde disqualifiziert, da es sich um ein Plagiat eines amerikanischen Künstlers handelte. Das alles wurde durch einen Kandidaten aufgedeckt, der es nicht schaffte, zum Semifinale eingeladen zu werden, blöder Beigeschmack. Beide Plätze wurden durch Nachnominierungen aufgefüllt. Mein Favorit für den Vorentscheid sind übrigens die hier.

In Ungarn und Litauen sind wir bereits mitten im mehrstüfigen Vorentscheid. Viele bekannte Gesichter und einige melonenzerschmetternde Dragqueens, wurden bereits gesichtet.

In Israel neigt sich die Staffel von rising star, das den Künstler für den ESC bestimmt, langsam dem Ende zu. Vor den Semi-finals sind noch 6 Teilnehmer übrig. Das Finale wird am 13.2 ausgestrahlt.

In Dänemark wird am 25.2 der nationale Vorentscheid aufgeführt. Die Kandidaten stehen fest, die Songs kann man ab dem 20.2 online hören. Unter den 10 Teilnehmern ist die letztjährige Favoritin Anja Nissen und eine Puppe, die in der letzten Staffel X-Factor UK ihr unwesen trieb.

Auf Malta beginnen langsam die Vorbereitungen für den Vorentscheid. Am 18.2 werden die vermeintlichen Favoriten auf den Plätzen 7,11, 14 und 15 starten. Insgesamt gib es 16 Teilnehmer, es wird zu 100% von den Zusehern bestimmt und hat das beste Teilnehmerfeld bisher in 2017. Reinhören lohnt sich.

Bulgarien möchte nach dem sensationellen 4. Rang in Stockholm nachlegen. Es wurden 6 Konzepte in die engere Auswahl erhoben und diese werden zur Zeit geprüft. Auf Twitter beschrieb man die Songs, alle sehr unterschiedlich und breit gefächert. Eine Entscheidung erhofft man sich bis Mitte Februar.

Tschechien kopiert praktisch Bulgarien. Auch hier sind 5 Songs in der engen Auswahl, die Mitte Februar aufgelöst werden soll. Bisher gibt es noch keine Hinweise.

Mazedonien nominiert ebenfalls intern und gab neulich bekannt, dass Jana über 100 Songs zum Entscheiden habe.

Auf Island wurden die diesjährigen Songs auf Englisch und Isländisch veröffentlicht. Die 12 Beiträge kämpfen in 2 Shows um 6 Finalplätze. In diesem ist es den Künstlern dann freigestellt, auf Englisch zu singen.

In Slowenien war es auch vergleichsweiße ruhig in den letzten Wochen. Nun aber stehen 16 Acts in zwei Halbfinals. Viele alte Bekannte sind als Komponisten oder Teilnehmer dabei. Jeweils 4 Acts qualifizieren sich für das Finale am 24.2

Deutschland gab die Namen der beiden ESC-Songs bekannt. Die von namenhaften Autoren gedichteten Werke tragen die Namen perfect live und wildfire. Zu hören gibt es die Songs in Deutschland wohl erst am Finalabend. Für alle anderen Länder, sollen die Songs kurz zuvor zu hören seien.

Griechenland gilt jetzt bereits als großer Favorit. Der Star Demy wird für Griechenland an den Start gehen. Unterstützt wird sie von den Machern von Russlands You are the only one von Sergey Lazarev. Drei Songs werden in einem Vorentscheid vorgetragen werden, in welchem sich die Griechen für einen entscheiden werden.

Zu guter letzt ein Blick nach Schweden. Der größte, wichtigste und hochwertigste Vorentscheid startet am Wochenende mit Runde 1. Und bereits diese hat es in sich. Rückkehrer Boris Rene und Dinah Na, mit Fan-Liebling Ace Wilder und dem größten Namen Charlotte Perrelli, Siegerin 1999, kämpfen um 2 Finalplätze. Dazu kommen noch vier neue Teilnehmer. Semi 1 ist ein wahres Blutbad. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass die Teilnehmerin Loreen sich als bisexuell geoutet hat.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Die ersten Titel stehen

So langsam nimmt der ESC Fahrt auf. Grund genug, zu überblicken, was uns im Mai erwarten wird. Die ersten Kandidaten stehen schon seit einiger Zeit fest. So vertrauen Österreich, Aserbaidschan, die Niederlande, Belgien, Mazedonien, Griechenland, Irland und Zypern auf interne Nominierungen, derren Namen bereits fest stehen, die Lieder jedoch erst später veröffentlicht werden. Dazu kommen dann noch Russland, Bulgarien, Kroatien, Serbien, Frankreich, San Marino, Tschechien und Montenegro hinzu, die allerdings noch keinen Kandidaten auserwählt haben. Armeniens Interpret steht ebenfalls schon fest, gewann einen Vorentscheid allerdings ohne Song. Alle restlichen Länder bestreiten einen Vorentscheid. In drei Fällen stehen die Sieger schon fest.

Albanien Lindita Halimi mit Botë

Die kosovarische Sängerin Lindita Halimi gewann am  Vorabend des heiligen Abends, das traditionsreiche FiK. Festival i Këngës. Dieser Vorentscheid ähnelt stark dem San Remo Festival, mit Orchester, eher konservativer Musik und schicker Abendgarderobe. Ein Bewerbertyp setzt sich hierbei regelmäßig durch. Eine schöne Frau mit großen braunen Augen, die sich die Seele aus dem Leib schreit. 2009-2012 und 2014-2016 war das der Fall.

2017 war die Qualität des Wettbewerbs deutlich geringer als 2015 oder 2016. Die modernen Ansätze infinite und asaj (2016) wurden 2017 nicht fortgeführt und es blieb alles relativ blass. Am Ende überzeugte die in Amerika lebende Lindita die Jury und die Zuschauer (die erstmals abstimmen durften) am meistens. Wenig überraschend singt sie eine laute Ballade und hat große braune Augen. Lindita hat einiges an Erfahrung, nahm an American Idol teil und ist eine Bekannte von Jennifer Lopez. Dazu hat sie eine bewegende Gewichtsverlustsgeschichte, welche sie auf das Cover eines amerikanischen "Brigitte"-Abklatsches brachte. In ihrem Song Botë, Welt, geht es um unseren Planeten, dem es immer schlechter geht. Ein Augenwink auf Donald Trump? Man weiß es nicht. Was man allerdings weiß ist, dass sie den Song selbst geschriehen, pardon, geschrieben hat und zwar auf Englisch. Sie trat bereits 2015 beim FiK an, scheiterte aber an Elhaida Dani und nahm sich die Kritik zu Herzen, dass ihr damaliger Beitrag zu modern war. Somit ließ sie ihren Beitrag dieses Jahr älter wirken und diese Taktik zahlte sich aus.

Bis zum ESC möchte sie den Song noch ordentlich umkrempeln, Englisch, moderner, besser. Da gebe ich ihr recht, denn bisher wirkt es eher wie eine Warmmachübung für ihre Stimmbänder. Stimmlich ist das nicht besser zu machen, aber daran scheitert es selten in Albanien. Das Problem ist es, den Song modern und spannend zu gestalten. Insbesondere, wenn man ihn in Englisch performen will. Und ich hoffe, dass uns der "albanische Revamp" dieses Jahr ersparrt bleibt, dieser ist nämlich die schlimmste Verschlimmbesserung im ESC-Universum. Wozu das führt, sahen wir letztes Jahr, nämlich einem abgeschlagenen Semifinalausscheiden.

Georgien: Tako Gachechiladze mit Keep the faith

Am 20.01 vollführte Georgien als nächstes Land seinen Vorentscheid, und was für einen! 25, in Worte fünfundzwanzig, Beiträge umfasste der georgische ESC. Während des Hörens der Studioversionen, hatte ich schnell einen Favoriten, der sich live allerdings abschoss. Harmonik scheint kein georgisches Wort zu sein, da viele Acts live mehr als nur enttäuschten. Dazu kam oftmals eine minimalistische Bühnenshow hinzu, was die Aufregung doch etwas brach. International wurde schnell eine Favoritin gefunden: Tako.

Die 33-jährige mit den wohl schönsten Haaren seit Serbien 2009, setzte sich am Ende mit der Weltverbesserungsballade durch. Sehr rise like a Phoenix mäßig war ihr Auftritt performt. Am Ende leuchtete sogar die ins Kleid integrierte Lichterkette, WAHNSINN. Keep the faith ist eine sehr stark gesungene Ballade, welche sehr düster und unheimlich geschrieben wurde, von Tako selbst. Dabei singt auch sie sich die Seele aus dem Leib, rettet sich am Ende aber in den Chor, also etwas Arbeit muss da noch gemacht werden. Textlich kann man sie praktisch neben Albanien legen, genau da ist das Problem. Die beiden Lieder ähneln sich in Text, Stimmung, Aufbau und der Performance. Sollte Lindita also nun auch noch auf Englisch setzen, kann man beide kaum noch unterscheiden. Während Botë etwas armosphärischer ist, bleibt Keep the faith eher im Ohr hängen.

Dann kommen wir zum nächsten Problem. Der Background. In diesem erschienen nämlich Schlagzeilen, die einigen Nationen nicht gefallen werden, vor allem Russland. So zum Beispiel: "Russland marschiert in Georgien ein" Fraglich ist, ob die EBU solche Botschaften zulässt, es also als politische Botschaft sieht und nicht als historischer Fakt. Ich persönlich sehe es als historischen Fakt an und würde es daher erlauben. Anders sähe es allerdings aus, wenn man den Konflikt mit der Ukraine einblenden würde, da Russland sich ja offiziell als unbeteiligt dar stellt. Aber das ist ein anderes Thema.

Ohne Tako hier etwas vorwerfen zu wollen, aber ich sehe dort ein sehr brisantes politisches Potential. Denn es wäre nicht das erste Mal, dass Taco damit beim ESC auffällt. Taco war 2009 Mitglied der disqualifizierten Gruppe Georgiens mit dem Titel we don't wanna put in. Anhören, daran denken, dass es einen Krieg im Jahr zuvor mit Russland gab und Wladimir Putin Präsident war.

Weißrussland: Navi

Der Alptraum eines jeden ESC-Fans ist jährlich die Reise in das spärlich besuchte Weißrussland. Nach dem in früheren Jahren oftmals der Beitrag einfach gewechselt wurde, konnte man in den vergangenen Jahren größere Skandale umschiffen. Allerdings ist oftmals der größte Skandal das Teilnehmerfeld. Dieses besteht aus untalentierten Abklatsch aus den 80-ern, ein Großteil jedenfalls.

Dieses Jahr konnte man die Qualität des Felses verbessern, was uns aber nicht vor stimmlichen Totalaussetzern schonte. International war es ein Zweikampf zwischen einer der bekanntesten Bands im kleinen Ruasland und einer Indiefolk-Band, die im dritten Anlauf zum ESC fahrem wollte. Am Ende des Abends wurde klar: Alle guten Dinge sind drei!

Die Band Navi wird somit das erstemal einen Song beim ESC auf weißrussisch präsentieren, Premiere dieser selten gehörten Sprache. Der Song Historyja majho zyccia, zu Deutsch Geschichte meines Lebens, ist ein super einprägsmaer Folkpopsong, der ordentlich zum mitwippen anregt. Das Duo verfügt über eine gute Harmonik und auch die Einzelstimmen sind sehr gut, wobei die Dame den Lockenkopf doch übersingt. Die Stimmung wird ausschließlich über die Musik verkörpert, die Lyrics könnten somit auch völlig unpassend sein, da sie sowieso niemand versteht (wobei Ukrainisch, Russisch und Polnisch sehr verwandte Sprachen sind)

Beim Vorentscheid konnten sie die Herzen des Publikums erobern, die Jury nur bedingt mit einem 5. Platz. Dass diese Kombination tatsächlich für den Sieg reichen kann, galt als relativ unwahrscheinlich. Nun dürfen die gut gelaunten Sänger nach Kiew reisen. Ich wage eine Prognose: Je näher wir an den ESC kommen, desto mehr Stimmen werden auf ein Ausscheiden setzen, denn der Song hat ein großes Problem: Die hey hey hey- Schreie nerven ziemlich schnell. Aber auf Grund der aktuell depressiven Phase Europas (Balladen werden dieses Jahr keine Mangelware sein) ist dieser Beitrag perfekt. Unbeschwert, Locker und catchy. Nach dem ersten Hören, wird schon eifrig mitgesungen, zumindest gesummt. Die breite Masse könnte dieser Farbtupfer in der grauen Masse sehr gut gefallen. Und der BelaExit fürs Finale, der vergangenen beiden Jahre, könnte vergessen gemacht werden.

Das erste offizielle Video im Jahrgang 2017 haben sie auch veröffentlicht.

Wenn wir die ersten drei Songs betrachten, lassen sich noch nicht all zu viele Rückschlüsse ziehen. Die Semifinalauslosung kann da dann etwas mehr Licht ins Dunkel bringen, wobei ich sagen muss: Im Moment gefallen mir alle drei Beiträge ziemlich gut. Stand heute würde ich Belarus auf die 1, Georgien auf die 2 und Albanien (in der aktuellen Version) auf die drei setzen.

Die nächsten Vorentscheide werden aus Uk, Finnland und der Schweiz kommen. Dazu noch die Auslosung der Semifinals.

#roadtokiew

Samstag, 21. Januar 2017

Sadi stiehlt sich aus der Show

Es zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngere Geschichte des deutschen ESC-Vorentscheids, ähnlich wie die schlechten Platzierungen. Ein neuer Skandal, ein neues Jahr und das alte Bild: Ein erneut bloß gestellter NDR.

Einer der fünf Kandidaten für Unser Star für Kiew, hat seine Teilnahme "freiwillig" zurückgezogen. Sadi, mit bürgerlichen Namen Wilhelm Richter, galt international als Favorit die Show im Februar zu gewinnen. Jedoch berichtete die Bild am 16.1 als Erstes, dass Sadi Ärger mit der Justiz Dortmund habe. Er habe mit einer Frau zusammen als Putzdienst gedeckt, das Haus eines Düsseldorfers leergeräumt, so das Boulevard-Blatt. Darüber hinaus habe er eine Uhr auf Ebay versteigert, das Geld einkassiert, die Uhr aber nie ausgeliefert. So müsse sich der 19-jährige Pottler nicht zum ersten Male dem Jugendrichter stellen.

Das Echo aus dem ESC-Universum folgte promp und bereits einen Tag später gab der NDR bekannt, dass Sadi kein Teilnehmer mehr sei. "Berichte über mich verursachen gerade so viel Trubel - das möchte ich erst einmal klären und verarbeiten. Ich bin selber verwundert, was mir vorgeworfen wird. Ich hatte mich total auf die Teilnahme gefreut, möchte das aber nicht unter diesen Umständen machen. So kann ich nicht unbeschwert auftreten. Deshalb bin ich am 9. Februar schweren Herzens in Köln nicht dabei.", so Sadi.

Der NDR, Lob an dieser Stelle, versuchte diese Nachricht so schnell wie möglich zu verdauen und nominierte eine Künstlerin nach. Dabei ist Yosefin Buohler auf gar keinen Fall ein unbeschriebenes Blatt. Die 21-jährige Halbschwedin, hatte die Musik schon lange für sich entdeckt. Sie stand mit 13 im RTL-Finale von Das Supertalent, tourte darauf mit einem Musical durch Deutschland und lebt seit her in Stockholm. Die Kölnerin sang beim denkwürdigen Länderspiel Deutschland Schweden (Entstand 4:4) die deutsche Nationalhymne. Sie selbst ordnet sich dem Pop zu, wobei ihre musikalischen Vorlieben eher im Rap oder Metal zu liegen scheinen.

Für mich ist sie ein starker Ersatz, für den nicht minder starken Sadi. Ein geschlechtliches Ungleichgewicht entsteht durch diese Neubesetzung zwar (4 Frauen, 1 Mann), aber in Zeiten der Gleichstellung braucht man keine Quoten sondern Leistung. Wenn die Frauen in dieser Auswahl das starke Geschlecht sind, dann ist das eben so. Sadi wird sich dagegen auf die Zunge beißen. Wer seine Chance so leichtfertig vergibt und nicht von Anfang an offen mit seiner (hoffentlich) Vergangenheit umgeht, dann das ganze als Trubel der Medien bezeichnet, der verdient eine solche Abfuhr. Ob er tatsächlich schuldig gesprochen wird, steht noch nicht fest, jedoch spricht sein Rückzug eine deutliche Sprache.

Sadi ist nur die Fortsetzung der Unruhe bei deutschen Vorentscheiden. Eine Zeitreise.

2013: Das Cascada-Gate

Die Vorfreude war groß, als einer der international erfolgreichsten deutschen Gruppen, ihre Teilnahme am Vorentscheid bekannt gab. Es war das Jahr 1 nach der Zusammenarbeit von ARD und Stefan Raab. Der Vorentscheid war hochwertig besetzt und lieferte eine gute Show ab. Natalie Horler, die Frontfrau Cascadas, sah zwar etwas unglücklich mit ihrem Kleid aus, begeisterte allerdings trotz Textunsicherheiten die Halle. Im dreiteiligen Voting konnte sie sich schließlich dank der Jury gegen LaBrassBanda verteidigen. Der Skandal begann, als die Ohren der internationalen Bubble auf das Lied stieß. Denn das hatte in einigen Ohren Erinnerungen an Loreen und der Swedish House Mafia geweckt. Vereinzelt wurde gar eine absichtliche Ähnlichkeit ge(t)wittert, also ein Plagiat. Danach begann für Cascada ein Spießrutenlauf nach Malmö zum ESC. In jedem Interview wurden Fragen nur zu diesem Thema gestellt und der NDR gab gar eine unabhängige Untersuchung in Auftrag, die Cascada musikfachlich für unschuldig erklärte. Doch das gemeine Volk hatte die Mistgabeln schon aus dem Keller geholt und angezündet. Beim ESC konnten Cascada ihrer Favoritenrolle bei weitem nicht gerecht werden und landeten abgeschlagen auf den hinteren Plätzen.

2015: Das Was-Kümmerts-Mich-Gate

Die Mutter aller ESC-Vorentscheidsskandale, das worst case scenario. 2015 trug man einen ähnlichen Vorentscheid aus wie 2014, bei dem alles glatt lief. Doch wir alle können uns noch an das Finale erinnern. The Voice Sieger Andreas Kümmert gegen die bis dahin unbekannte Ann-Sophie. In der finalen Abstimmung gab es einen lawinengleichen Sieg für den ruhigen Rocker. Babsi Schöneberger war glücklich und übergab ihm die letzten Worte. In diesen zeigte er, dass der Gewinn seine größte Niederlage war, denn seine Maske viel. Ohne jegliches Selbstvertrauen, ängstlich und krank sagte er live auf der Bühne, dass er Deutschland nicht vertreten könne. Babsi löste die Situation recht gut und Ann-Sophie war glücklich, zweite Wahl zu sein. Dann begannen die großen Diskussionen. Wenn er nur kleine Konzerte spielen will, wieso nimmt er dann vor dem Millionenpublikum teil? Drängt ihn sein Management? Hat er eine psychische Krankheit? Hätte er die Reißleine früher ziehen müssen?

In der Süddeutschen Zeitung sagte er später, dass er durchaus gewillt war, Deutschland zu vertreten. Jedoch hätten ihn kurz vor dem Auftritt üble Sprüche im Internet verletzt und ihm wurde klar, dass das nur zunehmen würde, wenn er nach Wien fahre. Er habe Depressionen, Angstzustände und Selbstmordgedanken gehabt, die ihn zu einer Therapie gebracht hätten. Ann-Sophie, die nur von gut 20% der Voter gewählt wurde, ging in Wien als 27 klanglos unter. Rang 27 wird einige Zeit in den Geschichtsbüchern bestehen bleiben, da die EBU nur noch 26 Länder im Finale haben möchte. Und der Herr Kümmert? Der macht das eckelhafteste, egozentrischte und traurigste überhaupt: er nutzt seine überstandene Erkrankung, um mehr seiner neuen Platte zu verkaufen. Jeder bekommt das, was er verdient.

2016: Das Naidoo-Gate

Der vorläufige Höhepunkt bis Sadi. Einer der bekanntesten deutschen Sänger, Xavier Naidoo, wurde intern vom NDR als Repräsentant von 'Schland auserwählt. Dies führte jedoch zu einer Empörungswelle mit 2 Argumenten.

1. Niemand darf ohne einen Vorentscheid Deutschland beim Esc vertreten! (Außer Helene Fischer)
2. Erst recht kein rechter, vor Nazis auftretender, das Grundgesetz nicht anerkennender Reichsbürger.

Während Punkt 1 relativ unproblematisch ist, hat der zweite Punkt einiges an Potenzial in sich. Wie dieses Video zeigt, präsentierte er vor Reichsbürgern in Berlin unhaltbare Verschwörungstheorien und stand seit her stark in der Kritik. Während sich also die internationale ESC-Presse begeistert gab, ging ein wahrer Shitstorm auf die ARD nieder. Nach einigen Tagen folgte dann das wahre Chaos: Der NDR schmiss Naidoo wieder von Bord. Somit konnte sich das Opfer als Täter darstellen, erhielt unfassbare Rückendeckung aus der Musik und der NDR zeigte sein rückratloses Gesicht. Wenn man einen umstrittenen Künstler wie Naidoo nominiert, muss man von einem Shitstorm ausgehen. Dann aber den Schwanz einzuziehen war peinlich, schwach und würdelos. Das Ende des Liedes war der letzte Platz Jamie Lees und eine beleidigte Musikibranche, die sich wohl auf Jahre vom ESC fernhalten wird.

Mit Sadi haben wir nun also bereits unseren jährlichen Skandal. Dieser wurde zum Glück so zeitig aufgeklärt, dass die Wellen nicht zu hoch schlagen. Außerdem sind andere Länder auch recht fleißig heuer, beim produzieren von Problemen. In Ungarn gab es mehrere Disqualifikationen, ebenso in Georgien, wo ein Lied im Vorentscheid antreten wird, dass nicht in Kiew auftreten darf.

Somit glaube ich, dass Yosefin ein exellenter Ersatz ist und der NDR keine andere Wahl hatte, als Sadi zum Rückzug zu bewegen. Hoffen wir, dass es nun ruhig bleibt und uns am 9.2 zwei Hammersongs erwarten!